Briefliteratur & Tagebuch

Sehnsuchtsland Schweiz

Seit ihrem Skiurlaub lässt Angelika Overath ein Gedanke nicht mehr los: Wie wäre es, wenn sie alle Zelte in der deutschen Heimat abbrechen und in ein kleines Dorf im Unterengadin ziehen würde? Nur wenige Jahre später wird diese Wunschvorstellung zur Realität, als eine kleine Erbschaft und günstige Umstände ihr, ihrem Mann und ihrem Jüngsten ein Leben in einem Winterparadies eröffnen. In ihrem "Senter Tagebuch" hat die deutsche Schriftstellerin und Journalisten die ersten 365 Tage ihres neuen Lebens in der Einöde festgehalten und gibt dabei die Farben preis.

Den Schweizer Ort idyllisch zu nennen, ist kein Fehler, denn mit weniger als 1000 Einwohnern, sechs Monaten Schnee im Jahr oder fernab von der Hektik des modernen Medienzeitalters bietet Sent für viele die einmalige Möglichkeit, in sich zu gehen und zu sich selbst zu kommen. Das war auch einer der Gründe, weshalb Angelika Overath sich mit Sack und Pack an ihrem persönlichen Sehnsuchtsort niederließ und ein neues Leben in der Abgeschiedenheit begann. Ehemann Manfred und Sohnemann Matthias folgen ihr und erkennen, dass diese (Herzens-)Entscheidung goldrichtig war. Und doch bleibt ein kleiner Wermutstropfen: Overaths älteren Kinder bleiben in Deutschland und bauen sich dort eine eigene Existenz auf.

Vom 1. September 2009 bis zum 1. September 2010 wandelt man an Overaths Seite durch die Tausend-Seelen-Gemeinde und lernt die unterschiedlichsten Menschen kennen, die wegen ihrer Individualität manches Mal leicht skurril wirken und trotzdem vor Warmherzigkeit regelrecht von Innen heraus strahlen. Auch wenn Sent ein Ort in der (scheinbaren) Wildnis ist, so unterscheiden sich die Lebensbedingungen hier nicht von denen in den deutschen Landen. Dementsprechend holt der Alltag die Wahl-Schweizer schnell wieder ein und bringt sie zurück auf den Boden der Tatsachen. Schließlich muss auch hier das nötige Kleingeld verdient werden, um sich ein ruhiges Leben gönnen zu können.

Tagebücher sind ein unvergängliches Zeitdokument über einen Menschen, dessen Gefühls- und Gedankenwelt in Wörtern festgehalten werden. Angelika Overath macht mit "Alle Farben des Schnees" aus dieser literarischen Kunstform eine kleine Sensation, wie sie facettenreicher und schillernder kaum sein könnte. Empfindsam, zuweilen mit einem Hauch Wehmut lässt die deutsche Autorin ein Jahr Revue passieren und den Leser dabei teilhaben. Das "Senter Tagebuch" ist ein Beweis dafür, dass Wunschträume in Erfüllung gehen können - und ein waghalsiges Vorhaben wie eine Auswanderung durchaus von Erfolg gekrönt sein kann.

Susann Fleischer
21.02.2011

 
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Das Buch:

Angelika Overath: Alle Farben des Schnees. Senter Tagebuch

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Mnchen: Luchterhand Literaturverlag 2010
256 S., 18,99
ISBN: 978-3-630-87340-4

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