Briefliteratur & Tagebuch

Frstliches "Monstrum" mit viel Fantasie

"Ein Literat auf Reisen", so nennt sich das Buch, das rund 30 Briefe von Giuseppe Tomasi aneinanderreiht, Briefe der speziellen Art. Tomasi, 1896 in Palermo geboren und 1957 in Rom gestorben, durfte sich Fürst von Lampedusa und Herzog von Palma und Palermo nennen. Karl II hatte 1630 seinem Vorfahren Giulio Tomasi den Titel "di Lampedusa" verliehen. Lampedusa, diese Insel südlich von Sizilien, mochte bisher vor allem als Ziel verzweifelter afrikanischer Flüchtlinge ein Begriff sein, mit der Veröffentlichung der Briefe dürfte sich das eine Spur ändern. Tomasi steht für Glanz, der Stand erlaubte es ihm, in feinen Hotels zu logieren - und zu schreiben.

Formulierkunst auf Hotelpapier

Seine Briefe hat Tomasi mit "Monstrum" unterzeichnet, sie sind in der dritten Person geschrieben und vor allem an die Cousins Casimiro und Lucio Piccolo gerichtet. Ob "es", das "Monstrum", seine Texte als Buch geplant hatte, muss man bezweifeln, obwohl "es" 1927 beiläufig bemerkte, dass sie ein "stattliches Buch im Oktavformat" abgeben würden. Geschrieben wurden sie auf Hotelpapier, Zeichen eines unruhigen Geistes, dessen Gedanken heute hier, morgen dort vorstießen. Schon diese Form verrät, dass es dem Lebenskünstler beim Geschriebenen um ein grenzenloses Vergnügen hier und jetzt ging, nicht um den Inhalt eines Buchs für das nächste Jahrhundert.

Der Schatz, den man aus der publizierten Sammlung heben kann, steckt denn auch in der fantastischen Erzählkunst im Kleinen. Es sind seine überaus hübschen Boshaftigkeiten und Neckereien, mit denen er die besuchten Städte, einzelne Begebenheiten und auch die Briefempfänger überschüttet. Dahinter enthüllt sich nicht nur eine grenzenlose Schrei- und Fabulierlust, sondern auch viel Sinn für Ästhetik, guter Geschmack, gepflegter Umgang mit Menschen und mit Kleidung. Seine Nonchalance - im Äußern wie in der Schreibe - hat etwas erfrischend Selbstverständliches.

Romantiker und Snob

Tomasi schreibt, wie er selber bemerkt, "von einem inneren Rhythmus" gelenkt, bezaubernd charmant, liebenswürdig, humorvoll. Er kann aber auch sehr direkt sein, sein Witz kann ganz schön poltern und treffen. Auch sich gegenüber begegnet er mit unbekümmerter Spottlust, sein Understatement verhüllt er meistens nur sehr salopp. Sich selber bezeichnet er als "mondän unbeschäftigt". Etwas Dandy und vor allem etwas Snob darf man in ihm sicher vermuten. Seine durchaus echte Romantik beschreibt er vor dem modernen, aktuellen Hintergrund etwa des Schienengewirrs in Berlin. Tomasi lebt im Jetzt.

Es ist schon sehr monströs, wie und was er schreibt, zumindest von den Themen her. Er blickt durch die Lupe auf Details eines Porzellangeschirrs, berührt vieles auch nur an der Oberfläche, verfügt aber doch über eine klare Sicht der Dinge. Das lässt sich an der Beschreibung der Städte sehr schön ablesen. Seine Liebe gelte London, während Paris provinzielle Züge zeige. Berlin erscheint ihm als die "grausamste" Stadt des Kontinents, erkennbar an harten Linien und an seiner "gigantischen" Grösse. Natürlich schwingt immer etwas Zeitgeschichte mit, etwa in seinen Berichten über die neuen Radiogeräte oder im Bild von den Ameisenkolonnen, mit dem Tomasi den Faschismus beschreibt. Die Politik indessen bleibt im Hintergrund.

Zum Originaltext, ins Deutsche übertragen von Giovanna Waeckerlin-Induni, gibt es ganz hinten zahlreiche Anmerkungen. Hätte man sie zu denen einzelnen Seiten gestellt, wäre man vielleicht rascher schlau geworden in Sachen Namen und Begriffen, aber dies hätte die Dynamik der eleganten Sätze über Gebühr abgebremst.

Der Gattopardo

Das Buch gehört zu jenen Werken, die man mit Genuss und in einem Schwung lesen kann. Posthum veröffentlicht, aber ein Originalstück von heimlicher Faszination. Wenn es einen schon in diese Briefe hineinzieht, wird man sich gerne dem großen Buch nähern, das Giuseppe Tomasi in fortgeschrittenem Alter als Roman geschrieben hat: "Der Gattopardo" (Der Leopard). Es kam ein Jahr nach seinem Tod heraus und wurde ein Bestseller weit herum. Luchino Visconti machte daraus einen erfolgreichen Film, mit Claudia Cardinale, Burt Lancaster und Alain Delon in den Hauptrollen.

Seit 2004 gibt es dieses Buch wieder, das bedeutend ernster angelegt ist als die Briefe. Giocchino Lanza Tomasi hat beiden Werken einen erklärenden Text beigefügt, der aufzeigt, dass der fürstliche Autor viel von seiner Zuversicht und Lebensfreude des dreißigjährigen Briefschreibers eingebüsst hat. Dafür gewann er an Reife und sein Buch an Tiefe.

Ronald Roggen
20.07.2009

 
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Das Buch:

Giuseppe Tomasi di Lampedusa: Ein Literat auf Reisen. Unterwegs in den Metropolen Europas. Aus dem Italienischen von Giovanna Waeckerlin-Induni

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Mnchen: Piper Verlag 2009
236 S., 19,95
ISBN 978-3-492-05185-9

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