Briefliteratur & Tagebuch
Ein höchst literarisches Reisetagebuch, das einem die Schönheit des Orients in all ihrer Vielfalt zeigt
Als Marmaduke Pickthall im Frühjahr 1896 aus dem Nahen Osten nach London zurückkehrte, litt er zwar noch immer an den Nachwirkungen einer schweren Typhuserkrankung, hatte jedoch den Kopf voll mit unglaublichen Geschichten und exotischen Bildern, mit detailreichem Wissen über das Leben und die Mentalität der Araber, Syrer und Palästinenser: Er hatte Freundschaften geschlossen, fließend Arabisch gelernt, kuriose Abenteuer erlebt mit fahrenden Rittern, Geschichtenerzählern, Pferdenarren, Straßenräubern, Gaunern, Fanatikern - überwiegend christlich -, mit verstoßenen Prinzessinnen und Tigerjägern, die vergeblich nach einem Tiger suchen.
Pickthalls Buch, das er erst 25 Jahre später schrieb - mit Abstand zu seinem jüngeren Ich, einem Schuss Selbstironie und viel Humor -, zeigt auf ganz unbeschwerte Weise, dass die Begegnung zweier Kulturen ebenso ein fruchtbarer Denkanstoß wie ein katastrophaler Zusammenprall sein kann. Es ist eine kleine Brücke zwischen Orient und Okzident, die jeder mühelos überqueren kann, um ein wenig klüger und nachdenklicher in die eigene Welt zurückzukehren.
Literatur von einer sprachlichen Eleganz und poetischen Prosa, dass es einem den Atem verschlägt - so zu schreiben wie Marmaduke Pickthall ist ein Kunstfertigkeit zum Niederknien. Zwei Jahre lang reiste er durch Ägypten und Palästina, sprach bald fließend Arabisch, war von Land und Leuten fasziniert und hielt seine Erlebnisse, Eindrücke und Geschichten in einer Art Reisetagebuch fest. Das Ergebnis erschein 2021 im Steidl Verlag unter dem Titel "Die Taube auf der Moschee", Zum Glück für den Leser. Denn diese Veröffentlichung ist nicht mehr und nicht weniger als ein Juwel, noch dazu eines, das alles andere im Bücherregal zu überstrahlen vermag.
Muhammad Marmaduke Pickthall (1875-1936) war ein britischer Schriftsteller und Islamwissenschaftler, der für seine Übersetzung des Korans ins Englische bekannt wurde. "Die Taube auf der Moschee" liest sich Satz für Satz wie eine Abenteuergeschichte aus Rudyard Kiplings Feder, so unglaublich ist das Erlebte von Pickthall und so literarisch auf höchstem Niveau verarbeitet.
Susann Fleischer
09.02.2026
