Briefliteratur & Tagebuch

Ein Großer der deutschen Literatur von seiner privatesten Seiten, in Briefen und Erinnerungen

Paul Celan gilt als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter des 20. Jahrhunderts. Sein Werk ist geprägt von der Reflexion über Sprache und Kommunikation und ihre Fähigkeit, das Erlebte zu bewahren und zu bezeugen, und ist ferner geprägt von der Verarbeitung von Grenzerfahrungen, insbesondere der Erfahrung des Holocaust. Doch er schrieb nicht nur Lyrik, sondern hinterließ der Menschheit auch seine Briefe, die die Bezeichnung "Literatur" mehr verdient haben als die meisten Schriftstücke anderer. Eben diese hat Klaus Reichert, emeritierter Professor für Anglistik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, 2002-2011 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt, Autor, Übersetzer und Herausgeber, zusammen mit seinen Erinnerungen an Celan in einem Buch festgehalten, sodass die Nachwelt noch lange etwas von Celans Schreibkunst hat. Und tatsächlich: Diese Lektüre lohnt eine Entdeckung!

Diese Erinnerungen sind wohl die letzten, die über Begegnungen mit Paul Celan geschrieben werden. Klaus Reichert war Celans Lektor nach dessen Eintritt in den Suhrkamp Verlag und mehr noch: gemeinsam mit Siegfried Unseld verantwortlich dafür, dass sich der Dichter Ende 1966 für Suhrkamp als seinen künftigen Verlag entschied. Doch geht der Kontakt zwischen Celan und Reichert weiter zurück, bis 1958, als der damals angehende Student den Autor anschrieb und etwas später in Paris besuchte. Über die Jahre hinweg bis zu Celans Tod wurden Briefe gewechselt, Bücher geplant und realisiert, kam es zu weiteren Begegnungen, "dienstlich" und privat, in denen sich das Wesen des Dichters in immer neuen, oft überraschenden Facetten offenbarte.

Der Band bietet über Klaus Reicherts Erinnerungen im engeren Sinn hinaus die mehr als 60 in zwölf Jahren gewechselten brieflichen Sendungen mitsamt einzelnen für das Verständnis der Korrespondenz aufschlussreichen Dokumenten: Dazu zählen Autographen, Gedichtgenesen mit wichtigen Korrekturen, die Auseinandersetzung mit dem Dichter über Klappentexte, die groß angelegte Celan-Planung im Suhrkamp Verlag und signifikante Zeugnisse zu Celans Übersetzungsstrategien. Im Zentrum des Bandes aber stehen immer wieder die Person des Dichters in der Lebendigkeit ihrer Erscheinung und das Ringen darum, die Texturen Celans, auch in der Diskussion mit Dritten, zu durchdringen.

(Brief-)Literatur, die einen die Welt um sich herum vollkommen vergessen lässt - die Werke von Paul Celan sind Pflicht in jedem Bücherregal. Dazu zählt auch jedes Buch über ihn, wie das vorliegende von Klaus Reichert. Diese "Erinnerungen und Briefe" nehmen alle Sinne gefangen und berauschen den Leser nach nur wenigen Sätzen so sehr wie kaum etwas anderes. Man verliert sich in dieser Lektüre, genießt sie mit klopfendem Herzen und droht über diese schier auszuflippen. Dem Suhrkamp Verlag ist einmal mehr ein großer Wurf auf dem (Sach-)Literaturmarkt gelungen. Es ist ein großes Glück, dass es dieses Verlagshaus gibt; für den Leser aber ein noch größeres, dass es Paul Celan gab. Seine Gedanken, Gefühle und Geschichten bleiben bestehen und dem Leser noch lange in bester Erinnerung. Denn nichts im Bücherregal berauscht einen dermaßen. Also, Chapeau; sowohl vor Celan als auch vor Reichert und dem Suhrkamp Verlag! Danke für solch ein Juwel!

Kann die Lektüre eines "Sachbuches" poetischer, grandioser, berührender sein als die von Klaus Reicherts "Paul Celan - Erinnerungen und Briefe"? Wohl kaum; und wenn, dann nur äußerst schwer. Das vorliegende Buch ist ein Geschenk, von dem man nicht wusste, dass man es sich von ganzem Herzen wünscht. Und wenn man es dann endlich besitzt, will man es nie wieder loslassen. Knapp 300 Buchseiten sperren die Welt aus. In dieser Lektüre verweilt man gerne länger, sogar viel länger!

Susann Fleischer 
27.01.2025

 

Das Buch:

Klaus Reichert: Paul Celan - Erinnerungen und Briefe

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2020 297 S., € 28,00 ISBN: 978-3-518-42926-6

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