Briefliteratur & Tagebuch

Qualitt eines Qulgeistes

Endlich, dann doch, das entscheidende Wort zu Schleef, Einar Schleef. Auf der letzten, der 1092 Seiten des "Havemann"-Buches von Florian Havemann. Eindeutig steht da, daß es "ganz klar eine Liebesgeschichte" gewesen ist, die die beiden strebenden, sehnsuchtsvollen Männer verband. Damals, in den siebziger Jahren. Damals, als sie Einsame waren Ost-Deutsche in Westberlin, Hoffende. Der Eine (Einar) ein knapp Mittdreißiger, der Andere (Florian) ein Mittzwanziger. Beide ausgestattet mit einer Rigorosität, die ihre Begegnung und Beziehung bitter machte. Dazu nichts in "Havemann". Dazu Seiten über Seiten in Schleefs "Tagebuch 1977-1980". Wer aufgepaßt hat weiß, das ist der dritte Band des Tagebuch-Projekts.

Der Quälgeist Schleef war ein geistreicher, vielfach begabter Künstler. Das machte seine Qualität aus und möglich. Seine Talente haben ihn gequält. Den Kopf, den Körper, die Ideen. Die Menschen, mit ihrem Unverständnis, quälten ihn, wie er sie mit seinem Verstand quälte. Schleef war ein harter Brocken. Er wußte, daß es ein hartes Leben ist das Leben mit dem Brocken Schleef. So schwer das Leben mit sich, unerträglich manchmal das mit der Familie, den Freunden, den Kollegen. Schleef war ein Solist. Unfähig solistisch zu existieren und deshalb in privaten wie beruflichen Kontakten ein permanent Gestörter und Störender.

Band drei der Tagebuch-Ausgabe ist die fortgesetzte Selbstdarstellung und Selbstbefragung des Gestörten und Störenden. Es bedarf großer Geduld, den Eintragungen der Tage, den ausführlichen Kommentaren, den Variationen der Ideenskizzen und Traumschilderungen zu folgen. Sich selbst zu sehen und zu befragen bedeutete für Schleef, ständig den Standort des Sehens und Befragens zu ändern. Das produktive Uneinssein mit sich, das ehrgeizige künstlerische Streben, die konfliktreichen Auseinandersetzungen mit dem Uneinssein wie dem  Streben füllen die Seiten. Sicher werden sie nicht das allgemeine öffentliche Interesse wecken.

Die Tagebuch-Bände sind die künstlerische Biographie eines komplizierten Künstlers. Daß die Bände nur für die da sind, die die Biographie des Einar Schleef´s interessiert, das zu sagen hieße, ihre weitreichende Bedeutung zu verkennen. Nicht leicht zu lesen, sind die Arbeits-Tagebücher in ihrer Art beispiellose Aufzeichnungen eines Deutschen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Zeitnotizen wie die dazugehörenden Nachbetrachtungen bündeln Zeitgeschichte, die vom allgemeinen Interesse sein kann. Besser: Sein sollte!

Die ersten beiden Bände sind wichtig und wesentlich in der differenzierten Darstellung der DDR-Wirklichkeit. Der dritte Band hat dadurch besonderes Gewicht, weil in vielen Passagen der allmähliche Übergang von Ost nach West geschildert wird. Ein Schleef´scher Übergang! Vorbereitet durch den wachsenden Widerwillen gegen die DDR. Erschwert durch die wirkliche Welt des Westens, in der sich der Vielseitige abermals nicht, wie erwartet, gefordert und gefördert sieht. In der künstlerischen Arbeit mit den Westauffassungen konfrontiert, schreibt der Enttäuschte: "... mein DDR-Herz jaulte auf." (Der Regisseur Rainer Werner Fassbinder hatte ihm eine Abfuhr erteilt.) Die DDR-Erfahrung der DDRler, nicht mit DDR-Identität gleichzusetzen, ist etwas, was haften bleibt. Schleef, der die DDR mit einem DDR-Paß "überwand", schreibt: "Nach einem Jahr: Wovor bin ich weggelaufen? Alles hat mich eingeholt. Ich bin zurückgekehrt. Ich kann ohne die Mauer  nicht  eben. Ich  bin  die Mauer." Gleichzeitig  notiert  er, also  1977,  für ein Radio-Projekt:

"Die Wiedervereinigung nicht aufzuhalten." Die individuelle Lösung, um das Gefühl loszuwerden, der Ummauerte zu sein – dazumal? In einem Kommentar. Mai 2001, stellt der Ehemalige fest: "Wo bin ich da, an den gleichen Orten, mit fast den gleichen Menschen wie früher, eine DDR, die in die Verlängerung gegangen ist."

Das alles ist weitergedacht, als die praktische Politik bereit ist zu denken. Wie Florian Havemanns "Havemann" so ist Einar Schleefs dritter Tagebuch-Band äußerst animierende, also anregende Lektüre. Als Weiterdenker stehen die früheren Freunde da und sind sich nah. Unabhängig von Zeit, Leben und Tod. Über alle Zeit hinweg als Zeiterklärer. Die hat jede Zeit nötig. Jede!

Bernd Heimberger 
22.01.2008

 
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Das Buch:

Einar Schleef: Tagebuch 1977-1980. Wien - Frankfurt am Main - Westberlin, hrsg. von Winfried Menninghaus

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Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag: 2007 476 S., 30,00 ISBN: 978-3-518-41759-1

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