Briefliteratur & Tagebuch

Band eins einer Jahrhundert-Edition

Harry Graf Kesslers Leben, Wirken und Schaffen: In seinen Tagebüchern kommt man ihm näher, wie einem guten Freund, der einem von sich und seinen Erlebnissen erzählt. Der erste Band ist das persönlichste Tagebuch Kesslers. Seine Liebe zur Familie ist ebenso dokumentiert wie die Selbstreflexion, die in späteren Jahren ganz weicht. Studentische Besäufnisse, verwirrende Beziehungsgeschichten, die in einem Fall zum Mord der Geliebten führt, aber vorwiegend die Entwicklung von Freundschaften auf Spaziergängen, bei Theater- und Musikaufführungen (Gewandhaus) sowie in Gesellschaften prägen Band I. Und schon früh zeigt sich: Kessler war ein messerscharfer Beobachter, und seine Analysen zu Kunst, Gesellschaft und Politik sind von einer Präzision und Klarheit, die wir bei unseren Zeitgenossen so oft vermissen.

Mit zwölf Jahren, am 16. Juni 1880, beginnt Kessler sein Tagebuch in englischer Sprache, wohl um seinen Internatsaufenthalt in Ascot vorzubereiten. Die rasche Entwicklung seines Ausdrucks ist nur einer von vielen Entwicklungszweigen dieser Zeit bis 1892. Seiner Schulzeit in der St. George´s School, die auch Churchill besucht hatte, folgt die Oberstufe am berühmten Johanneum in Hamburg und damit erste Anfänge in Debattierclubs mit kulturellen und historischen Themen, die zunächst in Bonn, dann in Leipzig bei der Cannitzer Gesellschaft kultiviert werden. Vor allem als Student der Jurisprudenz, aber auch der Kunstgeschichte in Leipzig schmiedet Kessler Freundschaften, die ein Leben lang bedeutsam bleiben. So wird das Tagebuch auch zunehmend zum Behälter für Kesslers Gedanken zur Kunst, Kultur und Geschichte.

(Sach-)Literatur, die ihresgleichen sucht - die Tagebücher von Harry Graf Kessler lohnen definitiv eine Entdeckung. Sie nehmen den Leser mit auf eine spannende Reise durch das Leben des in Frankreich und England aufgewachsenen deutschen Kunstsammlers, Mäzen, Schriftstellers, Publizisten, Pazifisten und Diplomaten. Zugleich bieten diese uns einen Einblick in die damalige Gesellschaft. Sie bringen uns den Menschen Harry Graf Kessler näher. Man lernt ihn von einer sehr persönlichen Seite kennen und erfährt darüber hinaus mehr über die Umstände der damaligen Zeit. Sein riesiges Werk zu erschließen und zu publizieren, ist eine verlegerische Großtat, wie sie heute kaum noch ein Verlag wagen kann. Die Edition ist sehr sorgfältig bearbeitet und hervorragend ausgestattet. Chapeau, vor dieser Meisterleistung!

Harry Graf Kesslers vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus über 57 Jahre sich erstreckende Tagebücher (von 1880 bis 1937) sind bedeutende Zeitzeugnisse, die unbedingt in jedes Bücherregal gehören. Sie bringen uns auf einmalige Weise u.a. die Ära des Wilhelminismus, den Schrecken des Ersten Weltkrieges und die Versuche der Weimarer Republik näher. Die Lektüre des ersten Bandes, wie auch der Folgebände, gestaltet sich als aufregender Geschichtsunterricht, wie ihm kein Lehrer jemals so grandios gelingen könnte. Darüber kann man eigentlich nur noch staunen!

Susann Fleischer
07.01.2019

 
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Das Buch:

Harry Graf Kessler: Das Tagebuch 1880-1937. Erster Band: 1880-1891

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Stuttgart: Klett-Cotta Verlag 2018
879 S., 65,00
ISBN: 978-3-7681-9811-0

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