Autobiographie

Statist im Lebenstheater der Mutter - eine Kindheit ohne Strukturen

In diesem Buch legt die Autorin, 1964 in der Schweiz geboren, eine Bilanz ihres bisherigen Lebens vor. Die kurze Einleitung bietet einen ersten Ein- und Rückblick in ihre derzeitige Situation, die geprägt ist von Ängsten und Zwängen - seelischen und körperlichen.


Mit der Vorstellung der familiären Verhältnisse ihrer Mutter, die ein Kind des Zweiten Weltkriegs ist und Teile ihrer Jugend in Indonesien und den Niederlanden verbracht hat und danach in die Schweiz zog, werden deren Familienverhältnisse Stück für Stück zu einem Gesamtbild zusammengesetzt. Sie erklären das spätere Verhalten der Mutter gegenüber ihrer Tochter, das alle erdenklichen Grenzen überschreitet.


Die Autorin schildert im weiteren Verlauf ihre Ängste aus Sicht eines völlig hilflosen und eingeschüchterten Kindes und später einer Jugendlichen in detaillierten und bildhaften Szenenbeschreibungen mit Wutausbrüchen und Gewalttätigkeiten aller Art der Mutter. Hinzukommen deren wechselnde Männerbekanntschaften und gescheiterte Ehen, Alkohol-, Tabletten- und Drogenmissbrauch. Ob bei Mutter/Stiefvater, Vater/Stiefmutter, Großmutter, im Kinderheim oder nach Trennung von ihrem Halbbruder: Sie fühlt sich immer allein- und im Stich gelassen.

Eigentlich war fast ihre ganze Kindheit geprägt von Gewalt, Wut, Schlägen, Hass, Umzügen, Tränen und dem Wissen, nicht geliebt und oft auch gar nicht erwünscht zu sein. Sie kämpfte stets um Liebe, Geborgenheit, Verständnis, Anerkennung, Wärme und Geborgenheit.


Mit verantwortlich für diese Situationen sind schließlich auch die stillen Mitwisser wie Vater, Stiefvater, Behörden, Beistand, Sozialarbeiter, Polizisten und Ärzte, denn sie wollten das Elend des Kindes einfach nicht sehen. Lediglich von ihrer Großtante und ihrem Großonkel fühlte es sich geliebt, kann sich aber nicht immer in deren Nähe aufhalten.

Noch vor dem Tod der Mutter 1995 muss die Autorin, jetzt selbst Mutter dreier Kinder, weitere Schicksalsschläge erdulden wie eigene schwere Krankheiten, psychiatrische Behandlungen mit Abhängigkeit von einem Therapeuten und später die Scheidung von ihrem Mann.


Erschütternd zu lesen sind auch die Berichte aus den eingesehenen Akten der Vormundschaftsbehörde und der Psychiatrischen Universitätsklinik über die Mutter. Daraus erkennt die Autorin letztlich den wahren Grund für ihre eigene psychische Krankheit.


Erst als erwachsene Frau stellt sie fest, dass schützende Strukturen, die ihr so fehlten, zur persönlichen Entwicklung sehr wichtig waren. Sie kannte keine Fürsorge und konnte sich nirgends festhalten. Sie hatte keine schützende Mutter, die sie verstand oder ihr helfen konnte: Nicht sie war das Kind, sondern ihre Mutter. Jetzt, 20 Jahre nach dem Tod ihrer Mutter, hat die Autorin - wohl auch nach dem Schreiben dieses Buchs - zumindest einen Teil Frieden und Freiheit finden können.

Andreas Berger
20.06.2016

 
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Das Buch:

Suna Lommen:
Es ist Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen

Bild: Buchcover Suna Lommen, Es ist Zeit, den Dingen auf den Grund zu gehen

Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag 2016
S. 133, € 12,80
ISBN: 9783837218268

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