Autobiographie

Damals in Dessau

In den dreißiger Jahren war die ehemalige Residenzstadt Dessau mit dem noch jungen Bauhaus, der IG Farben und den Junkers Flugzeugwerken eine gute Adresse. Die technische Intelligenz hatte herausragende Forschungsbedingungen und erbrachte Leistungen, die weltweit führend waren. Werkseigene Häuser boten mit ihrem Ausstattungsgrad ein bemerkenswertes Niveau. Die Erfindung des Agfacolor Farbfilms, des Magnetbandes, elektronischer Datenträger, Negativ-Maskenverfahren, die Farbsensitometrie - allesamt zukunftsträchtige Arbeiten, an denen neben anderen Werner Schultze entscheidend mitgewirkt hat. Er ist der Vater des Autors Dietrich von Hagenbach.

Sein Lebensweg und der seiner Familie werden im vielfältigen Geflecht mit den gesellschaftlichen und historischen Gegebenheiten zum Gegenstand umfassender und aspektreicher Betrachtung von sprachlich klarer und reicher Gestalt. Wer im reifen Alter von 80 Jahren sein Leben Revue passieren lässt, dem wird das aufhebenswert für sich und andere sein, was besonders beeindruckte mit tiefem Erlebnis und bleibender Erfahrung. So mag für den Leser vielleicht eine scheinbar beliebige Folge von Geschichten und Geschichte sich darbieten, doch für den Verfasser sind sie alle persönlich bedeutsam. Und das macht das Geschriebene reizvoll und überzeugend.

Wie viele, aus allen Gegenden Deutschlands, siedelte die Familie des angesehenen Chemikers vom Rheinland nach Dessau um. Gebührende Anstellung und moderne Wohn- und Lebensbedingungen wurden geboten. Die noch kleinen Kinder fanden zunächst dort ein Paradies: Sandkasten*, elektrische Eisenbahn, der gute Onkel Kurt, der allerdings bald in den Krieg einberufen wurde und seit Mai 1944 bei Witebsk in Russland für immer vermisst blieb. Sie wurden Kellerkinder - der Krieg war fortgeschritten. Fliegeralarm. Luftschutzkeller. Von den nahen Junkerswerken war den ganzen Tag über Motorengeräusch zu hören. Voller Stolz erlebten die Kinder aus nächster Nähe die Versuchsflugzeuge mit ihrem martialischen Lärm - Stukas Ju 87, Messerschmidt Nachtjäger und die ersten Düsenjäger überhaupt.

Butzsau bees. - Gelegentlich, in den Sommerferien, waren die Kinder mit der Mutter im südlichsten Zipfel der Pfalz bei der Oma. In den Städten wurden die Lebensmittel knapp und die Unsicherheit wuchs, so dass sich der Aufenthalt verlängerte. Dorfschule, Schweineschlachtung mit allem Drum und Dran. Doch auch in dieser Gegend war sich keiner sicher. Bomben hatten in den letzten Kriegstagen Neckargerach, das große Dorf am Neckar, zerstört - ein Bild des Grauens. Darin die "Mutter Courage", eine junge Frau mit 5 Kindern ... "General Bongarzt sollte der letzte deutsche hohe Militär gewesen sein", der mit seinem kleinen Regiment im Gebiet über dem Neckartal Hauptkampfzone und Kriegsende erwartete, während "SS-Scherge Ganninger sich im feldgrauen Sanitätswagen mit dem internationalen Rote-Kreuz-Zeichen" aus dem Staub machte. Zuvor hatte die SS zwei Sechzehnjährige hingerichtet, die Angst hatten, sich mit einer Panzerfaust dem heranrollenden Feind entgegenzustellen. Kriegsende, "der Krieg war nun endlich endgültig zu Ende".

Amis vermittelt beeindruckende Szenen, die zu erkennen geben, dass und wie man "in der amerikanischen Zone wieder ein Mensch mit Menschenrechten" geworden ist. Wieder in Mitteldeutschland: Der Kohlenklau. Wie Briketts "organisiert" wurden ... Kommt nicht wieder. Vom rauen Umgang sowjetischer Offiziere und Soldaten, die ihre Macht missbrauchten.

Die vier Weihnachtsbäume, Dessau 1946. Zeichen des Mangels und aufmerksamer Vorsorge: Fast jeder aus der Familie hatte einen besorgt, so dass ein Überfluss an Christbäumen bestand. Der eine stammte aus Russland. Deutsche Kriegsgefangene hatten welche gefällt. "Es waren Zettelchen dran mit Adressen von Angehörigen in der Heimat, die der eventuelle Käufer in Deutschland weiterleiten sollte. Eine herzzerreißende aber intelligente Art", schreibt der Autor. Er und sein Freund, beide Oberschüler, wirkten als Statisten in der Aida-Aufführung in Dessau, wo das Neue Theater im Rekordverfahren wieder aufgebaut war - 1948 - Große Oper.

"Langsam aber sicher senkte sich der Eiserne Vorhang immer dichter herunter." Die Reisefreiheit wurde eingeschränkt. Beim Antreten im Schulhof wurde für das Deutschlandtreffen in Berlin geworben. Klassenkameraden, die noch nicht organisiert waren, wurden angesprochen, der FDJ beizutreten ... Der Jüngste aus der Familie kam stolz nach Hause und verkündete, jetzt sei er doch den Jungen Pionieren beigetreten. Im Laufe des Jahres 1950 stand in der Familie fest: Über Berlin in den Westen. Sich der Gefahren bewusst, wurde ein differenzierter Plan erarbeitet, mit dem das Risiko gemindert werden sollte. Und dieser wurde Realität. "Am 27. Dezember fiel sich die komplette Familie bei der anderen Oma in die Arme."

Homecoming nach 40 Jahren. "Wir wollten über Leipzig nach Dessau und Wolfen fahren, wo wir als Kinder gelebt hatten, und wo unser Vater einmal, von 1934-1950 gearbeitet hatte. In der Wolfener Orwo-Fabrik, einem früheren IG Farben Betrieb, nun volkseigenes Kombinat, sollte ich am Mittwoch einen fachlichen Vortrag halten."

* Das kursiv Geschriebene ist Titel oder Stichwort jeweils einer Geschichte.

Dr. Peter Posse
02.06.2014

 
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Das Buch:

Dietrich von Hagenbach: Heimat, deine Trümmer. Erzählungen aus Kriegs- und Nachkriegszeit aus der Sicht eines Jungen

Bild: Buchcover Dietrich von Hagenbach, Heimat, deine Trümmer

Frankfurt am Main: August von Goethe Literaturverlag 2014
194 S., € 24,80 €
ISBN: 978-3-8372-1446-8

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