Autobiographie

Noch ist die Vergangenheit nicht verloren

Manchmal ziehen sich Prozesse hin und hin und hin. Manchmal ziehen Prozesse Prozesse nach sich. Kommt es ganz arg - das ist ohne Argwohn gesagt - ziehen Bücher über Prozesse Bücher über Prozesse nach sich. Im Fall des nie so recht in den Ruhestand gekommenen Rentners Friedrich Wolff ist das so. Sein Buch "Verlorene Prozesse" ist wieder da. Erneuert. Nicht runderneuert. Ist da, weil sich Prozesse hinzogen haben bis ins 21. Jahrhundert. Ist da, weil Prozessen Prozesse folgten.

Also kommt’s nun dick. Also ist der Band zu einem wahren Wälzer mutiert. Ganz wider die Art und Absichten von Wolff. Er liebt die Kürze, was er wiederholt betont. Ironisch lächelnd. Das Sich-Ausmehren lernte Wolf erst in bundesdeutschen Gerichtssälen. Und gewöhnte es sich gar nicht erst an. Immer ein Lächler, verteidigt er manches, was er in der DDR-Anwaltszeit gelernt hat. Schlichtes Argumentieren. Nie Absolutes festlegend. Manches erfragend. In manchen Fragen die Antwort gebend. Widerspruch wird so schwer und hin und wieder ausgeschlossen. Geschickte Taktik, die sich als untaktisch erweisen kann. Friedrich Wolff gibt nie den gerissenen Rechtsanwalt. Eher, wenn schon, den Gewieften. Und der bringt seine Gedanken in wenigen Zeilen, nötigenfalls zwischen den Zeilen zum Ausdruck. In der Spezialität hatten es DDRler zu Meistern gebracht. Der Anwalt ist ein Spezialist im Fach.

Friedrich Wolff, 1922 geboren, überschaut eine beachtliche wie beachtenswerte Lebensspanne. Wolff war ein halbes Jahrhundert Teil bedeutender politischer Prozesse der deutschen Justizge-schichte. Aus der kann die Geschichte der Justiz in der DDR nicht ausgeklammert werden, wenn, unkaschiert und vollständig, die Geschichte der deutschen Justiz des 20. Jahrhunderts geschrieben wird. "Verlorene Prozesse" ist ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Justiz - mit markanten Kapiteln des DDR-Anteils. Friedrich Wolff ist ein Kronzeuge der Rechtsgeschichte der DDR. Als bekennender DDRler zeugt er selbstverständlich pro DDR. Sie war für Wolff ein gesellschaftlicher Versuch, der nie zuvor versucht wurde, also ohne Vorbild ist.

Wolff glaubt und hofft, dass morgen gelingen könnte - oder muss (!) - was heute missriet und deshalb scheiterte. Der Optimismus des Friedrich Wolff ist eine Eigenschaft, die den Anwalt Friedrich Wolff oft bestärkte und bestätigte. Niemand wird den Optimismus bestreiten wollen und dem Mann strittig machen. Als Optimist, der ein Humanist ist, konnte der Jurist der sein und werden, der er wurde. Friedrich Wolff ist der erfolgreichste erfolglose Verteidiger von Format, den die deutsche Rechtsgeschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte. Er war ein engagierter und einsichtiger Verlierer. Und deshalb nie ohne Stolz. Und, wie offensichtlich, ein Gestählter durch das Erleben zweier gesellschaftlicher Rechtssysteme.

Ausgestattet mit der Gewissheit, dass jeder Prozess ein politischer Prozess ist, agierte der Anwalt in der DDR. Sich der "dekorativen Funktion des Verteidigers" durchaus bewusst, hat er die Nebenrolle des Anwalts der Angeklagten nicht vernachlässigt. Mit dieser Haltung konnte er Walter Janka und Heinz Brandt verteidigen. Ohne Aussicht, die Vor-Verurteilten durch anwaltliche Verve "herauszuhauen". Ein Zweifler war Wolff, kein Verzweifler. Aufgeben war nicht seine Aufgabe. Abtauchen? Abhauen? Gar in den Westen - wie einige Kollegen? Das war für den Neuköllner Arztsohn keine Alternative. Also existierte der Jurist in und mit der DDR-Gesellschaft, die seine war. Sie war, wie er war. Manches war, wie er in den Prozessberichten und den dazugehörigen lakonisch-ironischen Anmerkungen notierte, "beschämend für die Gesellschaft, die Justiz und natürlich auch für mich".

"Die Politik beeinflusste in der DDR ... offen und stark die Rechtssprechung", stellt Friedrich Wolff fest. In den DDR-Fällen beschreibt er, was das bedeutete. Und er beschreibt, wie intensiv und  indirekt Politik die Rechtssprechung der rechtsstaatlichen Bundesrepublik beeinflusst. Als einer der drei Verteidiger Honeckers - und weiterer DDR-Größen - ist Wolffs Fazit unumstößlich: Politische Prozesse wird es geben, solange es Politik gibt. Hat er was anderes erwartet? So naiv kann der sich gelegentlich naiv gebende Friedrich Wolff gar nicht sein. In der Chronik des Honecker-Prozesses, dem hundertfünfzigseitigen Kern des Buches, wird exemplarisch deutlich, wie ein politischer Prozess funktioniert, was das Politische des Prozesses ist und welches die Chancen der Verteidiger im politischen Prozess.

Sicher muss nicht jede Seite des Buches "Verlorene Prozesse" gelesen werden. Sicher geht bei kursorischem Lesen einiges verloren. Garantiert ist es ein Gewinn, das Buch zu lesen. Es ist, wie es ist, Lektüre zur deutschen Geschichte. Beispielhaft dargestellt am Beispiel deutscher Rechtsgeschichte. Immer anregend, sofern die Leser zum Widerspruch in der Lage und bereit sind. Immer aufregend, sofern die Leser rechts vom Autor stehen. "Verlorene Prozesse" liefert reichlich Material für konstruktive, kritische Diskurse über die vom Verfasser vermittelte Zeitgeschichte. Wie die Rede, die Alterspräsident Stefan Heym 1994 vor dem Deutschen Bundestag hielt, so ist Friedrich Wolffs Honecker-Prozess-Bericht bester Stoff für den Geschichtsunterricht. Ohne den sollte kein Gymnasiast seine Schulzeit beenden.

Bernd Heimberger
03.02.2009

 
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Das Buch:

Friedrich Wolff: Verlorene Prozesse. Meine Verteidigung in politischen Verfahren

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Berlin: Verlag Das Neue Leben 2009
608 S., 24,90
ISBN: 978-3-360-01800-7

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