Autobiographie

Eine ebenso bewegende wie kluge Autobiografie über Heimat und Heimatlosigkeit

Von Kindesbeinen an sehnt sich die "heimatlose" Aniko alias Ajándék - "das Geschenk" - nach Liebe und Heimat, nach Identität und Authentizität. Und obwohl Aniko und ihre Pflegefamilie in der Schweiz alles Erdenkliche dafür tun, damit das junge Mädchen aus Ungarn "Fuß fasst" und ein echtes Zuhause findet, stößt Aniko immer wieder auf Stolpersteine - und zerbricht nahezu daran:

"Seit meiner frühen Kindheit lebe ich hier, in diesem wunderschönen und sicheren Land. Die Sprache meines Herkunftslandes ist mir außer ein paar Wörtern fremd. Berndeutsch ist meine 'Muttersprache'. Ich habe ein Schweizer Diplom, unterrichte Schweizerbürger und trotzdem sind meine Rechte sehr beschränkt. Ich bin in diese Welt hineingeboren worden, gehöre aber nach dem Schweizer Recht nicht hierher, bin ein 'fremder Fötzel', wie man auf Schweizerdeutsch so schön sagt. Das bedeutet für mich: Ich lebe 'illegal' auf diesem Planeten! Die Ungarn und die Schweizer wollen mich nicht haben, wo soll ich hin? - Neben dem Gefühl des Nichtgeliebtwerdens ist das Nichtdazugehören das Schmerzlichste, was ein Mensch überhaupt erleben kann. Ich fühle mich allein - ausgegrenzt - abgelehnt - ungeliebt."

Als Aniko bereits in jungen Jahren ihre lesbische Neigung entdeckt und in Künstlerkreisen diese ihre sexuelle Orientierung - trotz gesellschaftlicher Ressentiments - endlich auch tatsächlich zu leben vermag, fühlt sie sich erstmals glücklich und frei: "Noch nie habe ich mich im Leben so frei, selbstständig und wohlgefühlt wie in der gegenwärtigen Situation. Hier kann ich mich endlich entfalten und vor allem meinen Horizont erweitern. Jetzt bin ich 'zu Hause' angekommen, es scheint mir, als würde ich in einer grenzenlosen Welt leben - in der Welt der Künstler, wo alles Neue möglich ist, seine Berechtigung hat und das Alte infrage gestellt werden darf und soll!"

Ihren wahren Ruhepol findet die gebürtige Ungarin jedoch in Gott und ihren spirituellen Inkarnationen, wofür sie sich auf den Weg nach Indien macht und seither esoterisch unterwegs ist. Platons Leitwort: "Als Naturwesen bleibt der Mensch an den Körper gebunden, als Geisteswesen aber hat er Flügel", verleiht ihr regelrecht "Flügel". In Zypern lernt sie schließlich den großen christlichen Mystiker und Heiler Daskalos kennen und schätzen, der sie fortan geistig und geistlich durchs Leben geleitet: "Christus ist nicht nur eine Person [...] Christus ist ein Prinzip, das Prinzip des Lebens." Endlich hat Aniko das Gefühl, "angekommen" zu sein! Ajándék - "das Geschenk" - wird zur Beschenkten!

Eine ebenso bewegende wie kluge autobiografische Erzählung über Heimat und Heimatlosigkeit, die Identitätsfrage, über religiöse und philosophische Fragestellungen, über die Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit, nach religiöser Wahrheit und sozialer Gerechtigkeit.

Caroline Schwarz 
22.09.2025

 

Das Buch:

Aniko Drozdy: Ajandek - Das Geschenk. Meine Sehnsucht nach Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit

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Offenbach: August von Goethe Literaturverlag 2025 424 S., € 25,80 ISBN: 978-3-8372-2856-4

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