Autobiographie

Lesenswertes aus den Selbstgesprchen eines laufenden Schriftstellers

Nach unzähligen Romanen schreibt Haruki Murakami, geboren 1949 in Kyoto, mit "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" von seiner größten Leidenschaft: dem Laufen. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert läuft Murakami nahezu täglich, seit 1982 jährlich einen Marathon, darüber hinaus hat er an mehreren Triathlons auf der olympischen Distanz teilgenommen (darunter allerdings - noch - kein Ironman) und einen 100-km-Ultralauf absolviert, was unter Läufern Ritterschlag und Heiligsprechung zugleich bedeutet.

Dass mit Murakami ein laufbesessener Schriftsteller gerade aus Japan kommt, verwundert nicht, sind doch die Japaner das mit Abstand laufenthusiastischste Volk der Erde. Heimische Weltmeister und Olympiasieger im Marathon genießen dort Ruhm und Anerkennung wie nirgendwo anders auf der Welt, auch sind sie das einzige Land, das in einer gewissen Breite den dominanten ostafrikanischen Läufern noch die Stirn bieten kann.

Alles in allem macht das vorliegende Werk einen sehr "zusammengeschusterten" Eindruck, als sei es eine Aneinanderreihung einzelner essayartiger Kapitel, die zeitlich und räumlich unkontrolliert zwischen Hawaii, Neuengland, Japan, Griechenland, den Achtzigern, den Neunzigern und 2005/2006 (dem Erstellungszeitraum des Buches) hin- und herspringen. Bösartig könnte man "Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede" als Abfallprodukt einer künstlerischen Schaffenspause bezeichnen. Nach etwa einem Drittel des Buches findet der Leser endlich einen roten Faden: Murakamis gewissenhafte Vorbereitung auf den New York Marathon 2005. Doch gerade am mühsam aufgebauten Spannungshöhepunkt lässt Murakami abrupt abreißen und schildert nachgereicht und in aller Kürze den für ihn nicht zufriedenstellenden Ausgang dieses Rennens.

Dennoch gelingt es Murakami, in den einzelnen Kapiteln seiner Passion Tiefgang zu verleihen, z.B. indem er mit dem Laufsport sein persönliches Mittel im Kampf gegen das Altern beschreibt: Die Unmöglichkeit, neue Bestzeiten erzielen zu können, als Point of Return. Darüber hinaus verknüpft er glaubhaft die disziplinierenden Elemente des Laufens mit der für ihn notwendigen Beharrlichkeit eines Schriftstellers, sich jeden Tag aufs Neue für viele Stunden konsequent auf eine Sache, das Schreiben, konzentrieren zu müssen. Somit schreibt er durchaus dem Laufen einen nicht unerheblichen Anteil an seinem schriftstellerischen Erfolg zu. Diese Schilderung gelingt ihm definitiv, dagegen kommt die Schilderung seiner Trainingsmethoden arg hölzern daher und folgt ganz und gar nicht modernen Erkenntnissen der Trainingswissenschaften. Alleine die Sprache, die er dafür verwendet, ist doch sehr altmodisch und antiquiert, vielleicht durch die direkte Übersetzung aus dem Japanischen bedingt auch sehr japanisch, die Inhalte sind auf jeden Fall ziemlich "fritzwalterisch": "Jedenfalls sind meine Muskeln im Augenblick sehr steif und verspannt. Sosehr ich sie auch dehne, sie wollen sich nicht lockern. Ich bin auf dem Höhepunkt meines Trainings, dennoch sind sie so fest. Mitunter muss ich sie, wenn sie so verhärtet sind, mit einem Stock schlagen (natürlich tut das weh!)."

Anzumerken bleibt auch, dass seine sportlichen Leistungen definitiv aller Ehren wert sind (Vielzahl an Marathons mit einer Endzeit von unter 4 Stunden), jedoch bei den von ihm geschilderten Trainingsumfängen (teilweise über 300 Trainingskilometern pro Monat) müsste er sich als ambitionierter Läufer die Kritik gefallen lassen, eher quantitativ denn qualitativ zu trainieren.

Dies ist Murakamis persönlichstes Buch und mit einer Passion versehen, so dass man meinen könnte, John Irving würde übers Ringen schreiben. Für Murakami-Fans daher absolut lesenswert, ebenso für alle Läufer, die hier Antworten darauf finden können, warum sie selbst täglich laufen, denn Murakami schafft es, Ungreifbares in Worte zu fassen und für den oft nur unzureichend erklärbaren Antrieb zum tagtäglichen Laufen valide Gründe zu benennen. Nicht-laufende Leser, die hier einen initialen Zugang zu Murakami finden können, zählen sicherlich nicht zur geplanten Zielgruppe.

Christoph Mahnel
25.03.2008

 
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Das Buch:

Haruki Murakami: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede

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Kln: Dumont Buchverlag 2008
160 S., 16,90
ISBN: 978-3-8321-8064-5

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