Autobiographie

"Wat woll´n se?"

"Big Fucking German" - wenn in England jemand mit allerhöchstem Respekt diesen Spitznamen verliehen bekommt, dann muss er verdammt viel richtiggemacht haben. Per Mertesacker hat in seinem Leben ganz viel richtiggemacht. Mit 1,98 Meter übertraf er in seiner aktiven Laufbahn meist alle anderen um ihn herum, zusammen mit seiner überragenden Spielintelligenz war er damit ein Jahrzehnt lang in der Innenverteidigung der deutschen Nationalmannschaft gesetzt. Wohl überlegt war auch von Anfang an die Vereinswahl des hochaufgeschossenen Jungen aus Pattensen. Erste Schritte in der Bundesliga tätigte er bei Hannover 96 in der Nachbarschaft, bevor er sich mit dem Schritt zu Werder Bremen auch im europäischen Fußball etablieren konnte, ohne dass der heimatverbundene Schlacks seine familiären Wurzeln vernachlässigen musste. Mit seinem dritten Engagement bei Arsenal London bekam er auf der Insel schließlich den Schliff, der ihn vor vier Jahren zu einem wichtigen Bestandteil der deutschen Weltmeistermannschaft machte.

Zum Ende der abgelaufenen Saison sagte Mertesacker dem aktiven Fußball Lebewohl. Zeit also, um die ereignisreichen Jahre dieser gelungenen Karriere in einer Biografie nochmals Revue passieren zu lassen. "Weltmeister ohne Talent" lautet der Titel des vorliegenden Buches, was die reflektierte und ausgewogen selbstkritische Art des Per Mertesacker wunderbar zum Ausdruck bringt. Für das Verfassen dieser Biografie hat Mertesacker mit Raphael Honigstein den perfekten Partner an seine Seite holen können. Der gebürtige Münchener lebt seinen Fußball-Traum als Journalist im Mutterland des Fußballs und ist auf der Insel der gefragteste Mann, wenn es um den Fußball im Land des noch amtierenden Weltmeisters geht. Honigstein hat in den letzten Jahren schon einige Bestseller auf den Markt gebracht und sich dabei stets auf Themen an der Schnittstelle zwischen deutschem und englischem Fußball fokussiert, wie etwa in der Klopp-Biografie "Ich mag, wenn´s kracht" oder auf der Spur des deutschen Erfolgsgeheimnisses in "Der vierte Stern".

Mertesacker und Honigstein haben für ihr Vorhaben einen Ansatz in vier Akten gewählt: Über "Pattensen" in die "Bundesliga" und später in die "Premier League", bevor zum spannungstechnischen Höhepunkt die 104 Spiele andauernde Länderspielkarriere im Kapitel "Weltmeister" resümiert wird. Rasch wird dem begeisterten Leser klar, was einen auf den ersten Blick unscheinbar daherkommenden Per Mertesacker so besonders gemacht hat: keine Tattoos, keine Eskapaden, keine Skandale. Beste Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Karriere, die der laut eigener Aussage wenig talentierte Kicker ganz viel zusätzlichem Engagement zu verdanken hat. Mertesacker gibt faszinierende Einblicke in die Laufbahn eines Leistungssportlers, der sich jede Saison, jeden Tag immer wieder aufs Neue hinterfragt hat und ständig auf der Suche nach Verbesserungspotentialen war. Tatsächlich hat Mertesacker ungefähr 10 Prozent seines Einkommens stets reinvestiert, um seinem Körper eine optimale Betreuung zukommen zu lassen und die allerletzten Nuancen aus diesem herauszukitzeln.

Im vergangenen Frühjahr hat Per Mertesacker auf den letzten Metern seiner Karriere mit einem tiefgründigen SPIEGEL-Interview für Aufsehen gesorgt, als er zugab, dass ihm während seiner gesamten Laufbahn der auf ihm lastende Druck große körperliche und seelische Sorgen bereitet hat. Diese Ehrlichkeit hat ihm bei rabiaten Zeitgenossen vom Schlage eines Lothar Matthäus einiges an Hohn und Spott eingebracht. Doch anders als beim Ehrenspielführer liest sich seine Biografie nicht wie ein amouröses "Bäumchen, wechsle dich", sondern wie eine Musteranleitung für einen Leistungssportler. Hätte Mertesacker nicht um jedes Prozent, ja um jedes Promille seiner Möglichkeiten gekämpft, wäre er als wenig talentierter Kicker mutmaßlich nicht einmal in den beiden höchsten deutschen Ligen gelandet. Somit sollte seine Biografie Pflichtlektüre in deutschen Nachwuchsleistungszentren werden, um fantasierenden Jungspunden deutlich zu machen, dass so - und nur so - der Weg in den fußballerischen Olymp führen kann.

Nach der Karriere ist für Per Mertesacker sogleich vor der Karriere, vor der neuen Karriere als Leiter der Nachwuchsakademie beim FC Arsenal. In diese Arbeit wird Mertesacker viele der interessanten Erkenntnisse, die er im Laufe seines Fußballerlebens gesammelt hat, genau wie in das vorliegende Buch einfließen lassen. Liebhaber des runden Leders, die wohl reflektierte Einblicke in das erfolgsorientierte Innenleben des Profifußballs zu schätzen wissen, werden an "Weltmeister ohne Talent" ihre wahre Freude haben. Dort hat nämlich ein solider und eigentlich nur großgewachsener Kicker beschrieben, wie er es bis auf die alleroberste Stufe eines Fußballerlebens geschafft hat. Seine wertschätzende Art gegenüber Kollegen wird an sehr vielen Stellen deutlich, so dass man sich vier Jahre danach immer noch verwundert die Augen reiben muss und sich fragt, wie es Boris Büchler damals nach dem Algerien-Spiel gelingen konnte, Per Mertesacker zum legendäre Eistonnen-Interview ("Wat woll´n se?") zu bewegen.

Christoph Mahnel
25.06.2018

 
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Das Buch:

Per Mertesacker (mit Raphael Honigstein):
Weltmeister ohne Talent. Mein Leben, meine Karriere

Bild: Buchcover Per Mertesacker (mit Raphael Honigstein), Weltmeister ohne Talent. Mein Leben, meine Karriere

Berlin: Ullstein extra 2018
272 S., € 20,00
ISBN: 978-3-86493-057-7

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