Medien & Gesellschaft

Per Zeitreise in ein Berlin vor unserer Zeit

Vor fast genau achtzig Jahren fanden in Berlin vom 01. bis zum 16. August 1936 die XI. Olympischen Sommerspiele statt. Die Entscheidung des IOC, dieses Spektakel in der deutschen Hauptstadt stattfinden zu lassen, war noch vor Hitlers Machtergreifung gefallen. In den fünf Jahren der Vorbereitung verschlechterte sich jedoch die politische Großwetterlage derart, dass diverse Boykott-Gedanken nur durch erhebliches Zutun des IOC zerschlagen werden konnten. Hitler indes nutzte die Gelegenheit, um sich und sein Reich herauszuputzen, die Gäste aus der ganzen Welt an der Nase herumzuführen und ihnen eine heile Welt im Deutschen Reich vorzugaukeln. Dementsprechend geteilt waren die Stimmen der Beobachter vor Ort, wobei letztlich diejenigen, die Hitler die übelsten Unterstellungen machten, am Ende leider Recht behalten sollten.

Der deutsche Historiker Oliver Hilmes hat zur achtzigsten Jährung der Spiele von Berlin ein Buch veröffentlicht, das einen sehr unkonventionellen Angang zu der Veranstaltung wählt. Man glaubt als Leser zunächst, mit "Berlin 1936" einen Roman vor sich zu haben, der von den sechzehn Tagen berichtet, in denen die Jugend der Welt ihre Olympiasieger kürte. Doch rasch merkt man, dass die sechzehn Kapitel, eines für jeden Tag der Spiele, vollgepackt sind mit Geschichten über historische Personen, deren Schicksal eng mit dem Spektakel in der Stadt an der Spree verknüpft war. Hilmes fokussiert sich dabei nicht nur auf die Protagonisten der Aschebahn oder des Schwimmbeckens, sondern heftet sich an die Fersen von Künstlern, Diplomaten oder NS-Größen.

"Berlin 1936" liest sich ob der gewählten Form zunächst recht abgehackt, da Hilmes sein Licht ständig auf neue Charakter wirft, so dass man als Leser krampfhaft bemüht ist, Zusammenhänge zwischen den einzelnen Personen herzustellen. Doch während nur wenige der Beobachtungen singulär stehen bleiben, werden andere Charaktere wie beispielsweise der während der Spiele in Berlin verweilende amerikanische Schriftsteller Tom Wolfe durchgehend begleitet. Hilmes beweist ein sehr gutes Händchen bei der Wahl seiner "Snapshots", um ein Gefühl für die Zeit und die Stadt Berlin in diesen Tagen im August 1936 zu erlangen. Mit dem Abtauchen in verschiedene Etablissements des Berliner Nachtlebens wird offensichtlich, dass die "Wilden Zwanziger" noch nicht gänzlich zu Ende gegangen waren. Die Luft für Menschen jedoch, die nicht nach der Pfeife der Nazis tanzten oder deren Idealvorstellung entsprachen, wurde von Tag zu Tag dünner.

Natürlich kommt Oliver Hilmes nicht umhin, Jesse Owens, den großen Sportstar der Spiele von Berlin, zu thematisieren. Auch ist im Buch die Rede von Tilly Fleischer, Helene Mayer oder der deutschen Damen-Sprintstaffel, die zum Ärger ihres Führers den Staffelstab und damit die sichere Goldmedaille aus den Händen gleiten ließ. Wer allerdings die sportlichen Höchstleistungen von Berlin nacherleben möchte, der ist sicherlich gut beraten, sich eines der standardmäßigen Olympia-Bücher zu besorgen. Hilmes hingegen hat eine ganz andere Intension mit seinem verhältnismäßig dünnen Büchlein, das gerade einmal etwas mehr als 300 Seiten zählt, dafür aber einen gewaltigen Eindruck hinterlässt. Man bewegt sich Seite an Seite mit dem Verleger Ernst Rowohlt durch das Berlin am Vorabend des Weltenbrands, mit englischen, amerikanischen und französischen Botschaftern, dem IOC-Präsidenten oder auch historisch verbürgten Größen des Berliner Nachtlebens.

Oliver Hilmes sorgt im vorliegenden Buch schließlich mit dem finalen Kapitel "Was wurde aus ... ?" für eine perfekte Abrundung der zahlreichen Erzählstränge, indem er dort für sämtliche Protagonisten deren Fortleben nach den Spielen von Berlin kurz zusammenfasst. Überhaupt überrascht Hilmes den Leser mit zahlreichen kleinen Kniffen und entführt diesen damit per Zeitreise in ein Berlin vor achtzig Jahren. So liefert er beispielsweise mit seinen täglichen Wetterprognosen des Reichswetterdienstes für Berlin die Gewissheit, dass anno 1936 das Wetter deutlich schlechter war als siebzig Jahre später beim nächsten großen Sportereignis auf deutschem Boden, dem Sommermärchen der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Dieses konnte im Gegensatz zu Berlin 1936 mit vielen Vorurteilen gegenüber Deutschland und den Deutschen aufräumen, während die von Hitler aufgebauten Potemkin'schen Dörfer nur naive Geister zu blenden vermochten.

Christoph Mahnel
14.06.2016

 
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Das Buch:

Oliver Hilmes: Berlin 1936: Sechzehn Tage im August

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Mnchen: Siedler Verlag 2016
304 S., 19,99
ISBN: 978-3-827-50059-5

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