Medien & Gesellschaft

Vom Rumpelfuball zurck auf den Olymp

Im Sommer 2004 liegt der deutsche Fußball am Boden. Es scheint nicht mehr tiefer zu gehen: Gerade ist Rudi Völlers stets bemühte Mannschaft bei der EM in Portugal kläglich gescheitert. Nachdem man selbst gegen das personifizierte Freilos Lettland nicht über ein torloses Unentschieden hinausgekommen war, zerbarsten die allerletzten Hoffnungen mit einer Niederlage gegen die bereits für die nächste Runde qualifizierten und dementsprechend mit einer B-Elf angetretenen Tschechen. Rudi Völlers Weißbier-Rede war gerade einmal zehn Monate alt und hatte Fußball-Deutschland darüber in Kenntnis gesetzt, dass es keine kleinen Gegner mehr gebe. Die Wahrheit war allerdings, dass Deutschland in der Hierarchie des Weltfußballs immer weiter abgerutscht war und sich in dramatischer Geschwindigkeit Mannschaften wie Island annäherte. Die wie auch immer geflochtene Reißleine musste gezogen werden, egal von wem, egal wie, Hauptsache sofort!

Mehr als eine Dekade später ist man schlauer und blickt zurück auf eine Entwicklung des deutschen Fußballs, die man im Angesicht des Rumpelfußballs, den deutsche Mannschaften bei den Europameisterschaften 2000 und 2004 und auch bei den meisten anderen Spielen in dieser Epoche fabrizierten, kaum für möglich gehalten hatte. Eine unsägliche Trainerfindungskommission des DFB hatte schließlich im Sommer 2004 einen am kalifornischen Strand das Leben genießenden Sonnyboy gefunden, der anders als andere zuvor ins Auge gefassten Kandidaten das Angebot des DFB nicht sofort abgelehnt hatte. Jürgen Klinsmann, seines Zeichens Welt- und Europameister in den grandiosen Neunzigern, wusste, dass er alles, aber auch wirklich alles im Umfeld der Nationalmannschaft und des deutschen Fußballs in Frage, wenn nicht sogar auf den Kopf stellen musste. Er war ein Glücksfall für des Deutschen liebstes Kind, auch wenn er während seines konsequenten Weges massive Kritik einstecken musste. Schließlich ist das Ende zehn Jahre später allenthalben bekannt: Deutschland ist zurück auf dem Olymp, aber nicht mit deutschen Tugenden, sondern mit spielerischer Brillanz und einem Tor zum Titel, von dem lange Zeit niemand geglaubt hatte, dass ein deutscher Fußballer jemals so gefühlvoll einnetzen könnte.

"Der vierte Stern" ist nicht nur der Name der Mission, die Jogi Löw und seine Jungs bei der Fußball-Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Brasilien erfolgreich absolviert hatten, sondern auch der Titel eines soeben im Ullstein Verlag erschienen Buchs von Raphael Honigstein. Dieser war Anfang der Neunziger von München nach London gezogen und machte sich im Mutterland des Fußballs rasch einen Namen als Fußball-Journalist. Mittlerweile schreibt er als Korrespondent der Süddeutschen Zeitung über den englischen Fußball, ebenso für einige renommierte englische Zeitungen. Das vorliegende Buch hatte er bereits im vergangenen Jahr im englischen Original auf den Markt gebracht. Für die Übersetzung zeichnete allerdings nicht Honigstein selbst verantwortlich, sondern mit Ronald Reng einer der gefragtesten deutschen Autoren, wenn es um Fußball geht. Honigsteins Blickwinkel auf den deutschen Fußball ist somit höchst interessant: ein Deutscher, der früh auf die Insel emigrierte und von dort die Entwicklung in seiner Heimat quasi mit englischen Augen beobachtete. Eine solch kenntnisreiche Perspektive, die sowohl mit Intimität als auch mit einem gesunden neutralen Abstand gesegnet ist, bedeutet einen wahren Glücksfall für denjenigen Fußball-Fan, der verstehen möchte, wie nur gut zehn Jahre nach Ribbeck und Völler Deutschlands Fußball wieder führend in der Welt
sein konnte.

Honigstein wählt für das vorliegende Buch einen Ansatz, der ihn beständig zwischen zwei Ebenen hin und her wechseln lässt. Auf der einen Ebene berichtet er konsequent über die Ereignisse des wunderbaren WM-Sommers 2014 mit sämtlichen Spielen der deutschen Mannschaft in Brasilien, auf der anderen Ebene gibt er den Veränderungen Raum, die dafür sorgten, dass man sich nicht mehr ausschließlich auf deutsche Tugenden verließ, sondern den deutschen Fußball vom Jugendbereich an und insbesondere dort systematisierte und strukturierte. In der Reihe von Misserfolgen um die Jahrtausendwende lag schließlich der Keim für einen hochprofessionellen Angang in der Talentförderung und der Ausbildung kommender Nationalspieler. Bei seinen Recherchen zum neuerlichen Aufstieg des deutschen Fußballs hat Honigstein bei einigen der allseits erwarteten Protagonisten angeklopft, aber mit einem Dietrich Weise oder anderen Männern an der Basis des Fußballs stellt er auch diejenigen vor, auf deren Drängen und dank deren beharrlichen Arbeitens das neue Zeitalter erfolgreich eingeleitet werden konnte.

Mit Thomas Hitzlsperger und Arne Friedrich schildern zwei Ex-Nationalspieler des vergangenen Jahrzehnts ihre persönlichen Erlebnisse hautnah. Damit gelingt es Honigstein, den Leser direkt ins Epizentrum des von Klinsmann & Co. ausgelösten Erdbebens hineinzuziehen. Scheinbar war jedoch Hitzlsperger vom Sommermärchen 2006 selbst so nommen, dass er in seiner Schilderung vom Spiel um Platz 3 eine völlig falsche Darstellung vom Spielverlauf zum Besten gibt. Doch verzeiht man sowohl Hitzlsperger als auch dem Autor diese Ungenauigkeit, da einem "Der vierte Stern" wunderbare und viele ungekannte Einblicke in die letzten zehn bis fünfzehn Jahre des deutschen Fußballs liefert. Wer gerne in Erinnerungen schwelgt und sich für die Geschichte eines mit Rückschlägen behafteten Aufstiegs auf den Olymp begeistern kann, der sollte, ohne zu überlegen, zugreifen und Honigsteins fabelhafte Geschichte genießen.

Christoph Mahnel
02.05.2016

 
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Das Buch:

Raphael Honigstein: Der vierte Stern

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Berlin: Ullstein Verlag 2016
384 S., 12,99
ISBN 978-3-548-37652-3

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