Medien & Gesellschaft

Lange Haare und englische Lieder: ­ Die Geschichte des Ostrock

Männer mit langen Haaren singen englische Lieder und haben auch noch eine Nebelmaschine im Gepäck. Das will sich der Bürgermeister im DDR-Städtchen Brand-Erbisdorf nicht bieten lassen. Um 1970 verbietet er daher den Musikern der Puhdys den Auftritt in seinem Ort. Besser ergeht es den Ostberliner Rockern ein Jahrzehnt später in Westberlin: 20 000 Zuschauern umjubeln die DDR-Vorzeigeband in der Waldbühne. Beschrieben wird dies in dem Buch «Als ich fortging.», einem neuen Blick in die Geschichte der Rockmusik in der DDR.

«Es soll vor allem um das Lebensgefühl der Jugend im Osten gehen, von dem der Rock ja doch eine entscheidende Seite ist», betonen die Musik-Autoren Christian Hentschel und Peter Matzke. Hentschel hat bereits Bücher über die DDR-Bands Keimzeit, City und Puhdys verfasst; letzteres auch schon gemeinsam mit Matzke, der zudem das Gothic- und Dark-Wave-Lexikon schrieb. In ihrem jüngsten Werk beschreiben die Autoren ausführlich, wie es kam, dass die DDR-Rockmusik sich nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch so deutlich von der Musik jenseits der Mauer unterschied. «Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?», hatte DDR- Staatsoberhaupt Walter Ulbricht 1965 gefragt ­ und gleich selbst geantwortet. «Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je, Je, Je und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen!»

In diesem Punkt habe die Mehrheit der Bürger ihrem Staats-Chef zugestimmt, berichten die Autoren. Der Normalbürger habe Dieter Birr von den Puhdys ebenso verständnislos gegenübergestanden wie Ian Gillan von Deep Purple. Lange Haare und laute Musik seien in Ost und West lange verpönt gewesen, englische Bandnamen verboten. Trotz oder gerade wegen der Abneigung gegen das «Je Je Je», sangen die Rockmusiker in der DDR anfangs nicht eigene, deutsche Titel, sondern coverten englischsprachige West-Hits - von Deep Purple bis Santana.

Langsam entwickelte sich in den 70er Jahren die spezifische Kunstform «Ost-Rock» - in deutscher Sprache. Doch während etwa Udo Lindenberg und Ton Steine Scherben teils knallharte Texte formulierten, musste im Osten alles durch die Blume gesagt werden, daraus entwickelte sich eine metaphernreiche und lyrische Rocksprache.

Dennoch gab es immer wieder Konflikte mit der Staatsgewalt, Musiker kamen ins Gefängnis oder verließen die DDR. Diesem Aspekt widmet sich das Kapitel «Ostrock und Staatsgewalt». Ein bis heute sichtbarer Aspekt: Weil der lange Arm der Staatsmacht auf den Dörfern weniger zuschlug als in den Städten, etablierten sich auf dem Land Konzertsäle mit Kultcharakter, die meist noch jetzt beliebte Auftrittsorte sind. In ausführlichen Kapiteln über die Bands wird deutlich, dass die Szene eine große Familie war, viele Musiker mal in der einen, mal in der anderen Formation spielten. Das zeigen auch ausgewählte Fotos von Konzerten und Schallplatten. Dass es musikalisch weit mehr als Ost-Rock gab, verdeutlichen die Kapitel über Liedermacher in der DDR, den DDR-Folkboom, die Neue Deutsche Welle auf der Ostseite der Mauer und den neuen Pop in den 80ern.

Wie unterschiedlich die Musikerbiografien im sozialistischen Deutschland waren, wird auch in den Fragebögen deutlich, die die Autoren an einige bekannte Interpreten verteilten. Eine Frage lautete: «Wann war Dein letztes Konzert in der DDR?». Die Sängerin Angelika Mann antwortete: «In irgendeinem Kino in Marzahn, 1984. Danach bin ich nach Hause gefahren und habe einen Ausreiseantrag gestellt.» Dirk Michaelis, einst Sänger der Gruppe Karussell und Verfasser des DDR-Hits «Als ich fortging.» meinte hingegen: «Hat noch Zeit.»

Sophia-Caroline Kosel, dpa
04.01.2008

 
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Das Buch:

Christian Hentschel, Peter Matzke:
Als ich fortging - Das große DDR-Rockbuch

Bild: Buchcover Christian Hentschel, Peter Matzke: Als ich fortging - Das große DDR-Rockbuch

Berlin: Verlag Neues Leben
320 S., € 24,90
ISBN: 978-3-3550-1733-63

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