Medien & Gesellschaft

Die andere Seite der Medaille

Auf einem verregneten Ascheplatz als erster das neue große Fußballtalent zu entdecken, das im kommenden Jahrzehnt mit der Nationalmannschaft und in der Champions League reüssieren wird, es sofort als Berater unter die eigenen Fittiche zu nehmen, alle zwei Jahre hochdotierte Verträge abzuschließen oder lukrative Vereinswechsel zu initiieren und finanziell ordentlich daran zu partizipieren, das beschreibt wohl den landauf und landab so oft geträumten Traum vieler selbst erkorener Fußballexperten, die glauben, das Auge für "The Next One" zu besitzen. Zu viele Erfolgsgeschichten à la Volker Struth, dem Berater von Mario Götze und Toni Kroos, sind in der Presse erzählt worden, als dass man rational dem Rat folgen würde, es doch lieber mit dem erfolgversprechenderen Lottospielen zu versuchen, da der ganz große und vor allem monetäre Ruhm beim Scouting oder als Spielerberater nur einigen sehr wenigen vorbehalten ist.

Lars Mrosko, ein Berliner Junge, für den es im Leben kaum etwas anderes als Fußball gab, war selbst leider etwas limitiert für den ganz großen Durchbruch als Kicker, fand jedoch dank seiner Berliner Schnauze und seinem großen Herzen stets direkten Zugang sowohl zu den Problemkindern aus dem Wedding oder Kreuzkölln als auch zu den Granden im Volkswagen-Konzern. Mroskos Karrierestart als Scout war sogleich höchst vielversprechend, eine seiner ersten Stationen war immerhin der FC Bayern München, für den er Nachwuchsspieler im Berliner Raum beobachtete. Über den FC St. Pauli führte sein Weg schließlich nach Wolfsburg zum prosperierenden VfL, wo Mrosko gar zum Nachwuchskoordinator-Scouting aufstieg und durchaus einen passablen Draht zu Felix Magath entwickelt hatte. Aufgrund eines höchst außergewöhnlichen, weil wortwörtlich zu nehmenden Tête-à-Têtes mit Dieter Hoeneß war unglücklicherweise eines Tages das Tischtuch in Wolfsburg zerschnitten, und der Leidensweg eines Scouts, der zum Spielerberater mutierte, nahm seinen Lauf.

Ronald Reng darf mit Fug und Recht als einer der außergewöhnlichsten und hochwertigsten Schreiberlinge zum Thema Fußball bezeichnet werden. Alle Themen, die er anpackt, werden zu Bestsellern und von Freunden des runden Leders ausnahmslos geliebt. Seinen ersten großen Erfolg hatte er einst mit "Der Traumhüter", der Geschichte von Lars Leese, der als No-Name-Torhüter nach England ging, dort durch die Decke schoss, einmal ein sensationelles Spiel in Liverpool abliefert, doch als One-Hit-Wonder genauso schnell wieder in der Versenkung verschwand. Rengs Robert-Enke-Biografie hatte wochenlang in den Bestseller-Listen nicht nur eingefleischte Fußball-Fans in den Bann gezogen, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit großen Anklang gefunden. Mit "Spieltage", einer höchst ungewöhnlichen Erzählung zum fünfzigjährigen Jubiläum der Fußball-Bundesliga, heimste Reng gar den Titel als "Fußballbuch des Jahres 2013" ein. Nun legt er mit "Mroskos Talente" ein Buch über einen allerhöchstens im inneren Kern der Fußballszene bekannten Ex-Scout und -Spielerberater vor, das vielen Tagträumern die Augen öffnen wird.

Beinahe wie ein roter Faden zieht sich das desillusionierende Element seit Jahren durch Rengs Bücher. Wenn der gebürtige Frankfurter über den Glamour im Fußball berichtet, kann man sich sicher sein, dass diesem bereits der Absturz innewohnt. Es ist überhaupt nicht Rengs Sache, das Fußball-Business zu verherrlichen, stattdessen zeigt er die Schattenseiten auf, denen im Boulevard und in den Hochglanzreportagen kein Platz eingeräumt wird. Wie Mrosko teils selbstverschuldet, teils dem extrem selektiven System geschuldet, in dem es nur wenige an den Platz an der Sonne schaffen, immer wieder scheitert, aber immer wieder aufsteht, lässt den Leser schockiert zurück. Obgleich Reng faszinierend schreibt, umschleicht den Leser während des gesamten Buchs stets eine gewisse Angst, das nächste Kapitel und damit vom nächsten Tiefschlag im Leben dieses liebenswerten Chaoten Mrosko zu lesen.

"Mroskos Talente" sollte zur Pflichtlektüre für alle jungen Kicker oder diejenigen werden, die davon überzeugt sind, im Big Business "Fußball" Fuß fassen zu können. Schonungslos zeigt Reng auf, dass gute Absichten bei weitem nicht ausreichen, in diesem Geschäft erfolgreich zu sein. Es bedarf schon einer höchst professionellen Einstellung zum einen, zum anderen auch noch einer gehörigen Gerissenheit und einer gewaltigen Portion Egoismus. Das vorliegende Buch begeistert den Fußball-Fan immer dann in besonderem Maße, wenn der kleine Kosmos des Lars Mrosko mit dem großen Fußball kollidiert, wenn Mrosko im Büro bei Teetrinker Magath sitzt, er sich an einem Transfer Hakan Çalhanoglus versucht oder beim Wechsel Didier Drogbas zu Galatasaray den Stein ins Rollen bringt, aber am Ende doch immer leer ausgeht. Für die nächste Wahl zum Fußballbuch des Jahres scheint mit "Mroskos Talente" die Pole Position bereits besetzt zu sein.

Christoph Mahnel
26.10.2015

 
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Das Buch:

Ronald Reng: Mroskos Talente - Das erstaunliche Leben eines Bundesliga-Scouts

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Mnchen: Piper Verlag GmbH 2015
416 S., 20,00
ISBN 978-3-492-05593-2

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