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Pokal spezial

Der Fußball-Europapokal war zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik bei weitem noch nicht das Hochglanzprodukt, zu dem insbesondere die Champions League in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren herangewachsen ist. Als Dynamo Dresden und Lok Leipzig noch unter der Woche ihre Hin- und Rückspiele, die damals bereits von der ersten Runde an sofort über Wohl und Wehe entschieden, austrugen, da störte sich noch niemand an der minutiösen Einhaltung von UEFA-Regularien und -Zeitplänen. Damals war der Europapokal eine Wundertüte, die wenig Informationsfluss im Vorfeld der Partien bereithielt, was dafür sorgte, dass Sensationen noch möglich waren. Für eine eher kleine Fußballnation, wie das die damalige "DDR" bei allem Respekt war, bot sich so Gelegenheit für manchen Husarenstreich.

Mit dem 1. FC Magdeburg gewann einst sogar ein ehemaliger "DDR"-Oberligist einen Europapokal, zwar nicht den ganz großen Landesmeister-Pott, doch fiel der Erfolg der Anhaltiner im Pokal der Pokalsieger mitten hinein in die glorreichste Periode des Ost-Fußballs. 1974 war schließlich nicht nur das Jahr, in dem Jürgen Sparwasser und Co. den großen AC Mailand in besagtem Finale in Schach hielten und mit 2:0 bezwangen, sondern auch das Jahr, in dem der einzige deutsch-deutsche Fußballvergleich auf Nationalmannschaftsebene mit einem 1:0-Sieg des Ostens Einzug in die Geschichtsbücher hielt. Doch auch in den Achtzigern gelang es noch zwei weiteren Oberligisten, Europapokalfinals zu erreichen, wo dann jedoch der Siegeszug von Carl Zeiss Jena respektive Lok Leipzig im allerletzten Moment gestoppt wurde.

Die Geschichte der "DDR"-Klubs im Europapokal hält viele Geschichten auch über diese drei größten Erfolge hinaus bereit, so dass es schon verwunderlich ist, dass erst ein knappes Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung ein Buch explizit zu diesem Thema erschienen ist. Mit dem allseits in Ost und West bekannten Gottfried Weise zeichnet dafür ein Idealkandidat verantwortlich. Bereits zu "DDR"-Zeiten war Weise eine Institution als Sportreporter, später nach der Wende wechselte er dann zum paneuropäischen Sender "Eurosport", wo er mit seiner unverwechselbaren Stimme die Brücke aus einer Ära, in der auf der Brust sowjetischer Sportler noch "CCCP" prangte, hinein ins 21. Jahrhundert schlug. Mit seinem neuesten Buch-Projekt "Als Maradona 80.000 lockte" hat er einer zeitgeschichtlichen Epoche noch rechtzeitig vor dem drohenden Vergessen ein gelungenes Denkmal im Bücherschrank gesetzt.

Weise hatte aus "DDR"-Zeiten Verbindungen wie kaum ein anderer zu Spielern und Trainern, was ihm beim Schreiben des vorliegenden Buches klar zum Vorteil gereichte. Zahlreiche Exkurse und Interviews mit Protagonisten der ostdeutschen Europapokal-Historie garnieren die siebzehn zentralen Kapitel des Buches. Der Autor hat sich nämlich gegen eine chronologische Aufarbeitung entschieden und stattdessen jedem der siebzehn "DDR"-Oberligisten, der je ein Europapokal-Match bestritten hat, ein eigenes Kapitel gewidmet. Neben den üblichen Verdächtigen tauchen dabei auch Vereine auf, die garantiert keiner in den Lostöpfen der UEFA vermutet hätte. PSV Schwerin und Wismut Aue sind zwei dieser Exoten, die es tatsächlich in die Ergebnislisten des Europapokals geschafft haben. Bei Rot-Weiß Erfurt und insbesondere bei Union Berlin hat Gottfried Weise allerdings ein Auge bzw. sogar alle beide zudrücken müssen, um ihnen noch einen Platz im vorliegenden Buch zu sichern.

"Als Maradona 80.000 lockte" ist voll gepackt mit fesselnden Europapokalschlachten. Neben den drei besagten Triumphzügen in die Finals des Pokalsiegerwettbewerbs sind dabei vor allem das "Wunder von der Grotenburg" und das legendäre deutsch-deutsche Duell zwischen Dynamo Dresden und dem FC Bayern München zu nennen. Das sagenhafte Comeback der Uerdinger, die anno 1986 einen aggregierten 1:5-Rückstand zur Halbzeit des Rückspiels noch mit sechs Toren in 45 Minuten konterten, wurde vor geraumer Zeit von "11 Freunde" sogar zum "größten Fußballspiel aller Zeiten" gekürt. Als in der Saison 1973/74 mit Dynamo und den Bayern die beiden amtierenden Deutschen Meister aufeinandertrafen, war das Duell nicht nur politisch brisant, sondern vor allem auf allerhöchstem sportlichen Niveau geführt sowie extrem spannungsgeladen, was alleine durch die nackten Ergebnisse von 4:3 und 3:3 zum Ausdruck kommt.

Gottfried Weises Kompendium über die Europalpokalauftritte der "DDR"-Klubs ist wie nicht anders zu erwarten natürlich im Göttinger Werkstatt Verlag erschienen, wo Fußballfans mit Anspruch ihre Lektüre finden. Der Titel des Buchs "Als Maradona 80.000 lockte" zeigt darüber hinaus, wie die kleinen "DDR"-Klubs damals dank des Europapokals an den großen Bühnen des Weltfußballs schnuppern durften und Weltstars wie Cruyff, Beckenbauer oder eben Diego Maradona ihre Visitenkarten im Leipziger Zentralstadion oder dem Dynamo-Stadion abgaben. Somit trägt das vorliegende Buch weit mehr als Charakterzüge eines Almanachs, sondern es enthält ein Stück Zeitgeschichte, deren Aspekte bei allen Begegnungen in Hin- und Rückspielen eine bedeutsame Rolle spielten.

Christoph Mahnel
02.03.2015

 
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Das Buch:

Gottfried Weise: Als Maradona 80.000 lockte

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Gttingen: Die Werkstatt 2015
206 S., 19,90
ISBN: 978-3-730-70178-2

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