Medien & Gesellschaft

Griechenland als Geberland

Europa steht in der Schuld Griechenlands? Derzeit w?rde fast jeder Europ?er diese These mit einem ungl?ubigen Kopfsch?tteln verneinen und sich fragen, wie man ?berhaupt auf solch eine Behauptung kommen kann. Der Altphilologe und Althistoriker Karl-Wilhelm Weeber hat seinem neuen Buch jedoch ganz k?hn genau diesen auf den ersten Blick recht absurden Titel gegeben: "Hellas sei Dank! Was Europa den Griechen schuldet. Eine historische Abrechnung" - sicherlich nicht ganz ohne einen leicht provokativen Hintergedanken, der sich f?r Marketingzwecke n?tzlich erweist.

Eine Abrechnung, bei der es darum geht, Gleiches mit Gleichem aufzuwiegen, und bei der eine Seite der anderen alles andere als wohlgesinnt ist, hat Weeber dabei n?mlich nicht im Sinn. Er m?chte uns vielmehr - ohne den erhobenen Zeigefinger - vor Augen f?hren, was Griechenland in grauer Vorzeit einmal f?r uns, f?r Europa getan hat. Auch Griechenland war mal ein Geberland, allerdings nicht in finanzieller, sondern in kultureller, politischer und moralischer Hinsicht. Man denke dabei nur an die demokratische Staatsform, die in Griechenland bereits vor mehreren tausend Jahren praktiziert wurde, w?hrend sie in Deutschland und anderen europ?ischen L?ndern erst im 20. Jahrhundert Einzug hielt.

Aber nicht nur politisch, sondern auch kulturell haben wir einiges von den Griechen gelernt: Wer gerne ins Theater geht, huldigt damit jedes Mal der griechischen Tradition. Auch unsere Sprache steckt voller Gr?zismen, und die griechischen G?tter der Antike stehen nicht selten Produkten unseres t?glichen Lebens Pate: Clio, Nike und Demeter, um nur einige Beispiele zu nennen. Griechische G?tter und Mythen ziehen sich nicht nur durch die Welt der Konsumg?ter, sondern haben durch die Jahrhunderte hinweg immer wieder Einzug in die Weltliteratur gehalten. Von Goethe bis Bachmann, von Brecht bis Kafka - sie alle haben sich immer wieder der griechischen Mythologie bedient. Nicht zuletzt resultierte die Sage von Europa und dem Stier in der Namensgebung unseres Kontinents und unserer aktuellen W?hrung - womit wir wieder an unserem Ausgangspunkt angelegt w?ren.

Weeber wendet sich mit "Hellas sei Dank!" weder an Verfechter noch an Gegner der aktuellen Euro-Politik, sondern an ein Publikum, das ein bisschen mehr ?ber die Geschichte Griechenlands und damit auch Europas wissen m?chte. In 14 Kapiteln, die kein streng chronologisches Lesen von der ersten Seite des Buches bis zur letzten erfordern, erz?hlt er von Olympia, dem hippokratischen Eid und der Polis und reaktiviert damit Wissen aus dem Geschichts- oder Griechisch-Unterricht, ohne sich auf eine Seite der aktuellen Diskussion schlagen zu wollen.

Weeber ist nicht nur f?r seine fachliche Kompetenz bekannt, sondern auch f?r sein Talent als Erz?hler und P?dagoge. Wer seine fr?heren Ver?ffentlichungen ("Latin reloaded", "Musen am Telefon" oder "Wie Julius Caesar in die Fanmeile kam") gelesen hat, wei?, mit welcher Leichtigkeit und Frische er ?ber antike Geschichte und Linguistik schreiben kann. Diesen Plauderton, den man als Fan seiner Werke so lieb gewonnen hat, vermisst man in einigen Kapiteln seines neuen Buches. Gr??ere N?chternheit als gewohnt macht sich in "Hellas sei Dank!" breit - dennoch: Weebers B?cher sind der beste Einstieg f?r Geschichtsmuffel, die um trockene und langweilige Abhandlungen bisher immer einen Bogen gemacht haben. Langeweile kennt Weeber nicht.

Sabine Mahnel 
26.11.2012 

 
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Das Buch:

Karl-Wilhelm Weeber: Hellas sei Dank! Was Europa den Griechen schuldet - Eine historische Abrechnung

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Mnchen: Siedler Verlag 2012
397 S., 22,90
ISBN: 978-3-8275-0009-0

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