Medien & Gesellschaft

Heie Ohren

"Peinlich" kommt vom mittellateinischen pena, "H?llenstrafe", ebenso wie lateinisch poena, "Bu?geld, Kummer, Qual, Pein ...", mhd. p?nlich, "strafw?rdig, qu?lend, grausam, folternd" ...

Sie nicken mit schiefem L?cheln? Sie kennen das? ? Da kommt ein Mensch strahlend auf Sie zu, scheint Sie, Ihr Leben und Ihr Werk bestens zu kennen, spricht vielleicht sogar ?ber Intima, lacht Sie immerzu an ? und Sie ?berlegen krampfhaft, wer es ist. Woher kenne ich diese Person? Das Gesicht, ich wei?, dass ich es schon gesehen habe! Aber wo? Arbeit? Daheim? Aus den Medien? Hilfe! Wo ist die Rettung! Nachfragen? Das ist ja noch peinlicher! Am besten, man stellt eine unverf?ngliche Frage in dieses qu?lend-freundliche Gesicht, am besten irgendetwas zum momentanen Umfeld Passendes ...

Wenn man dann nicht gerade wie Doris D?rrie im vorgestellten Buch ? ihr passierte die Geschichte bei einem Empfang im Anschluss an die Verleihung des Bundesfilmpreises mit allen Gr??en der Branche ? Roman Herzog danach fragt, welchen Film er denn gerade produziere, gibt es vielleicht sogar die Chance, sich aus der peinlichen Lage zu befreien. Oder, wie im geschilderten Fall, alles wird noch schlimmer! Auch wenn das Gegen?ber ?ber "den Witz" schallend lachte, die dem H?llenfeuer entstammenden Hitzewellen, die einen in solch einer Situation ?berlaufen, geh?ren sicher in Korrespondenz zum lateinisch-mittelhochdeutschen Wortstamm zum Peinigendsten, Grausamsten, Folterndsten, das die diesseitige Welt zu bieten hat!

Das "Lexikon der prominenten Peinlichkeiten" ist f?r die schadenfrohen Leser nat?rlich ungemein komisch. Die einzelnen Bekenntnisse dieser exhibitionistischen Anthologie erschienen zun?chst in der sonnt?glichen Kolumne des "Tagesspiegel", womit die Betroffenen die Chance ergriffen, sich des oft ?ber Jahre und Jahrzehnte klebrigen Peinlichkeitsgef?hls zu entledigen ? indem es weitererz?hlt und dar?ber gelacht wird. Im Nachhinein k?nnen die Leidtragenden aber fast alle mitlachen.

Unglaublich, was anderen Menschen alles passiert! Und die meisten der Prominenten sch?men sich nicht und machen ein Fass auf: erz?hlen vom Menstruationsfleck auf dem kostbaren Stuhl aus dem 17. Jahrhundert, vom Zungenkuss mit der Gro?mutter oder dem glitschigen Kaninchen in Senfso?e, dem das Besteck nicht Herr werden wollte, sodass es mit Schwung erst auf einem Bild an der Wand und dann, eine Senfso?enspur nach sich ziehend, zwischen den Tellern am Nachbartisch landete. Wie peinlich!

Oder: Als ganz besonders originelles Hochzeitsgeschenk lie? Tita von Hardenberg 150 T-Shirts mit dem Konterfei von Braut und Br?utigam bedrucken und verteilte sie unter die ? daraufhin ? johlenden G?ste: Dummerweise hatte sie ein Foto der Exfreundin erwischt! Andere treten einen ganzen Abend lang nerv?s, weil in illustrer Runde, gegen das Stuhlbein ? bis sie merken, dass es das Bein der Botschaftergattin war. Eva Herrmanns Pumps bohrte sich nach einer missgl?ckten Tanzschrittvorf?hrung in ein Schnitzel am Nachbartisch, Werner Schneyder k?ndigte Inga & Wolf "mit ihren stimmungslosen Liedern" an, Benjamin von Stuckrad-Barre entdeckt zu sp?t ein vollgepinkeltes Hosenbein, Hans-Jochen Vogel schlug vor, Georg Trakl (? 1914) zu einem Symposium einzuladen, und Roger Willemsen antwortete vor Anh?ngern der PLO direkt vor einem Interview mit Arafat auf die Frage, ob er Arabisch spreche, mit: "Ja! Shalom!"
Rote Farbe f?r alle!

Einige der befragten Prominenten ziehen sich allerdings geschickt aus der Aff?re, berufen sich auf Vergesslichkeit, philosophieren ?ber "die peinliche Situation an sich", erz?hlen eine Geschichte, die anderen passiert ist, oder, wie Rita S??muth, erz?hlen eine Geschichte, die die ganze Nation schon kennt, weil ihr Fauxpas, den Bundestag vor offenem Mikrofon als Affentheater zu bezeichnen, bereits in allen Nachrichtensendungen zu sehen und zu h?ren war.

Trotzdem wird man beim Lesen geradezu s?chtig nach den Peinlichkeiten, legt das Buch nicht eher aus der Hand, bis alle die Hosen runtergelassen haben, wie auf dem Cover so sch?n symbolisch dargestellt wird. Alles, was hei?e Ohren macht, wird hier ausgebreitet, und die alles im Innern verkrampfende Situation l?st sich in befreiendem Lachen ? und alle wiehern mit!

dgk
11.11.2002

 
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Das Buch:

Beatrix Schnippenkoetter: Lexikon der prominenten Peinlichkeiten

CMS_IMGTITLE[1]

Frankfurt/M.: Eichborn Verlag 2002
219 S.
ISBN: 3-8218-3928-7

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