Medien & Gesellschaft

Männlich-Türkisch: Kroth lernt "Halbmondwahrheiten" kennen

Wie werden türkische Männer wahrgenommen? Oft besteht das Bild von einer homogenen Gruppe, die gewaltbereit ist und per se Frauen unterdrückt. Für ein Buch taucht eine Frau ein in unfassbare Lebensläufe. 

Die Autorin Isabella Kroth verschafft sich Einlass in eine vermeintlich geschlossene Gesellschaft: Lebenswelten türkischer Männer in Deutschland. Dabei macht sie die Erfahrung, dass sie die Tür nur aufzustoßen braucht zu jenen Männern, über die so viel gesprochen wird. In ihrem neuen Buch "Halbmondwahrheiten" beschreibt Kroth zwölf sehr unterschiedliche Biografien. Schnittmengen gibt es, wenn es um Ängste, Zerrissenheiten und Überwindungen dieser Männer geht, die meist Gastarbeiter der ersten Generation oder deren Nachkommen sind. 

Zu den türkischen Männern, die zu Wort kommen, gehört der frühere Gastarbeiter Ali. Der heute 65-jährige Rentner wollte einst nur fünf Jahre in Deutschland bleiben. Wie bei den meisten Gastarbeitern wurden daraus Jahrzehnte. Um seinen Söhnen eine gute Ausbildung zu finanzieren, arbeitete er - in der Türkei noch Polizeibeamter - in Berlin als Bauarbeiter und machte sich als "Betonkosmetiker Ali" einen Namen. Erst wurde die Ehefrau Belma nachgeholt, später beide Söhne. Die Konzentration auf eine bessere Zukunft zerstörte die Verbindung zu seinen Jungs. Einer seiner Söhne ist heroinabhängig. 

Kroth schildert die "Integrationsdramen" in einer einfachen und verständlichen Sprache. Der Schlichtheit der Sprache stehen die Lebensläufe der Protagonisten entgegen. Ihre Geschichten sind packend und manchmal erschreckend. Die Namen hat die Autorin zum Schutz der Männer verändert. Doch die Erlebnisse sind real, auch wenn sie oft surreal wirken. 

Erzählt werden die Lebensgeschichten etwa von zwangsverheirateten türkischen Männern, deren Eltern sie auf diese Weise disziplinieren wollten. Es sind Männer, die unter diesen Ehen leiden, die zuweilen auch ihre Kontrolle verlieren. 

Es geht ebenso um alleinerziehende Männer und darum, wie sie mit dieser Situation fertig werden. Entlang der Biografien und ihrer Beobachtungen, gibt Kroth einen Überblick über die damalige deutsche Ausländerpolitik, die erst nach vielen Jahrzehnten zur Integrationspolitik wurde. Auch gesellschaftliche Ereignisse, Informationen über den Islam, Studien zu Einwanderern werden aufgegriffen. 

Knapp zwei Jahre hat die Autorin die zwölf Männer begleitet. Sie hatte sie gesucht und im Berliner Bezirk Neukölln auch gefunden: In einer Selbsthilfegruppe für türkische Männer. Unter der Anleitung eines türkischen Psychologen, der selbst eine Einwanderungserfahrung gemacht hat, sprechen sie ohne Scham über ihre Gedanken und Gefühle. Mittendrin sitzt Isabella Kroth, die schreibt: "Über ihre Offenheit war ich manchmal erstaunt, für ihr Vertrauen immer dankbar." Das Buch erhellt vieles und hilft wohltuend, Migrationserfahrungen zu verstehen. 

Özlem Yilmazer, dpa 
09.08.2010

 
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Das Buch:

Isabella Kroth:
Halbmondwahrheiten. Türkische Männer in Deutschland - Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft

Bild: Buchcover Isabella Kroth, Halbmondwahrheiten. Türkische Männer in Deutschland - Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft

München: Diederichs Verlag 2010
208 S., € 16,95
ISBN: 978-3-424-35022-7

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