Medien & Gesellschaft

Bestiarium der Schlechtigkeit

Das Böse hat Konjunktur. Auch ist es en vogue, davon in traditionellen Mustern und Vorstellungen zu sprechen, wie einige Neuerscheinungen dieses Sommers zeigen. Nun stellt sich die Frage, warum christliche Begriffe wie Sünde, Schuld, Hölle und Laster plötzlich geeignet sind, die Übel der mehrheitlich säkular orientierten modernen westlichen Welt zu beschreiben?

Dem Menschen erschien das Böse seit jeher in vielerlei Gestalt, es tarnte sich oft listig und war vom Guten schwer zu unterscheiden. Dass die schöne und verführerische Frau Welt in ihrem Rücken den Fürst der Finsternis barg, lernte bereits der Mensch des Mittelalters. Der moderne Mensch hingegen hat mit solcherlei Lehren wenig am Hut, scheint sie aber, glaubt man den Neuerscheinungen, umso nötiger zu haben, insofern als er kaum mehr über eine moralische Didaktik verfügt, welche ihm die Varianten und Vexierformen des Bösen präventiv katalogisiert. Heute lässt sich das Böse anscheinend nur empirisch und konkret erkunden, was seine Typisierung und jegliche Apotropäik erschwert.

Wolfgang Sofsky, bis 2000 Professor für Soziologie in Göttingen und Erfurt, heute Privatgelehrter und Autor, unternimmt den Versuch, dem kollektiven Verdrängen und Verharmlosen mit archaischer Drastik und Klarheit beizukommen. In bewusster Wahlverwandtschaft zum spätantiken Theophrast entwirft er rigide ein Bestiarium menschlicher Monstrosität und Soziopathie. Das creszendierende Register kulminiert im Laster der Grausamkeit, dessen schonungslose Charakteristik zweifellos aus den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen des Gewaltforschers gespeist ist. Dem ist soweit wenig entgegenzuhalten. Sofskys Typen sind scharf konturiert und plastisch skizziert, vielen der Paranoiker schickt er die bedrohliche Perspektive ihrer Verdammnis hinterher. Das Buch ist allerdings methodisch schwach, denn Sofsky malt, um es salopp zu sagen, mit viel Danteschem Inferno den Teufel an die Wand, ohne allerdings - und das ist der Hinkefuß - an Gott zu glauben.

In Andrea Mantegnas Renaissancegemälde, das der Autor an den Anfang seines Buches über die Laster stellt, ist es entsprechend noch die Vernunft, die im Verbund mit den antiken Tugenden die Laster in Schach hält. Weil das "Gattungswesen" sich jedoch nicht gebessert habe, lautet die Ausgangsthese Sofskys, seien die (aufgeklärten) Hoffnungen vergangener Zeiten auf die moralische Vervollkommnung des Menschen enttäuscht.

Die Personifikationen des Lasters entstanden erst in christlicher Zeit, die Antike Platons kam ohne sie aus. Der olympische Götterpark ist selbst ein Lasterpfuhl, der sich nicht zu verstecken braucht. In christlicher Vorstellung hingegen stehen allerdings den Lastern Tugenden gegenüber, die im Kampf um das Seelenheil am Ende stets siegen. Doch ist dieser Antagonismus nicht nur eschatologisch gemeint, sondern als Psychomachie im Menschen selbst zugleich verortet und verzeitlicht. Der Kampf zwischen Tugenden und Lastern, zwischen Gut und Böse, muss jeden Tag aufs Neue ausgefochten werden. Schon aus diesem Grund ist die Fixierung eines Menschen - zumindest in christlicher Sicht - auf ein generelles und ausschließliches "Bösesein" ausgeschlossen. Die endgültige Entscheidung darüber wird am Jüngsten Tag gefällt. Die Tugenden- und Lasterlehre war somit auch keine Typenlehre menschlicher Charaktere, wie sie Sofsky präsentiert, sondern eine Lehre in Form der Allegorie: Laster sind Personifikationen von Verhaltensformen, sie beschreiben nicht Menschen, sondern verwerfliche Haltungen und verfehlendes Verhalten. Sie richtet sich demzufolge an das Ethos des Menschen.

Sofskys Katalog präsentiert hingegen eine Auswahl pathologisch deformierter Typen, also Menschen, die sich bereits für das Böse entschieden haben. Im Unterschied zur christlichen Lasterlehre ist es ein Befund, keine Warnung. Auch erscheinen nur einige, nicht aber alle der alten christlichen Laster. In der durchsexualisierten Zeit eines vor allem (kinder)pornografisch überschwemmten Internets zählt er höchstens "Vulgarität", nicht aber Luxuria (Unkeuschheit), Voluptas (Begierde) und Libido (Wollust) zu den modernen Lastern. Auch sucht man - allenthalben umgeben von medialer Selbstverliebtheit - die Vanitas (Eitelkeit) vergebens. Die Eitelkeit hat Sofsky vielmehr unter Geltungssucht subsumiert, was nicht dasselbe ist. Vermissen lassen sich ferner Unglaube (Infidelitas) und Götzendienst (Idolatria), dafür begegnen Glaube und Religion nun seltsamerweise unter Stultitia (Torheit), was bei dem exzessiven Gebrauch christlicher Vorstellungen dann doch verwundert. Denn wer nicht glaubt, für den existieren weder Hölle noch Sünden noch Laster. Ein bisschen Christentum gibt es nicht, und es mutet fragwürdig an, mit Vorstellungen arbeiten zu wollen, die man als Atheist permanent desavouiert.

Katrin Boskamp-Priever
16.11.2009

 
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Das Buch:

Wolfgang Sofsky: Das Buch der Laster

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Mnchen: C. H. Beck 2009
318 S., 19,90
ISBN: 978-3-406-59135-8

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