Medien & Gesellschaft

Ein tiefer Graben oder eher eine hohe Mauer

Es ist der 15. Juni 1961, als Walter Ulbricht, der Staatsratsvorsitzende der einstigen DDR, auf einer Presskonferenz äußert: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten." Doch wie die Realität zeigte, wurde in einer Nacht- und Nebelaktion die endgültige Abgrenzung zwischen der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone und den restlichen drei Zonen vollzogen. Die Berliner Mauer wurde am 13. August 1961 - nicht einmal zwei Monate nach Ulbrichts Äußerung - in einer Vorform errichtet. Sie teilte die Großstadt Berlin und trennte Menschen voneinander: Freunde von Freunden, Kinder von Eltern und Großeltern, Nachbarn von Nachbarn. Die Trennung dauerte lange und endete erst am 9. November 1989, als die Grenzen zwischen beiden Staaten endgültig geöffnet wurden und Deutschland nun wieder ein geeintes Land war.

Frederick Taylor hat zwar anfangs von den Veränderungen wenig mitbekommen - schließlich lebte er in England und somit nicht im Mittelpunkt der Ereignisse -, doch änderte sich das Augenmerk seines Interesses während der Schulzeit und seines späteren Studiums. Berührt von den damaligen Geschehnissen, hat er einen Überblick über die Geschichte der Berliner Mauer verfasst. Dabei lassen sich zwei Tendenzen erkennen: Während die Kapitel "Sand" und "Blut" die Begebenheiten vor dem Bau der 111,9 km langen Mauer wiedergeben, beschäftigen sich "Draht", "Beton" und "Geld" mit den Ereignissen und Fakten nach der Vervollständigung der Begrenzung. In dieser Zeit entwickelten sich zwei unterschiedliche Staaten mit ihren eigenen Gesellschaften, die ihr Leben zu bewältigen versuchten.

Die Kapitel, die von der Zeit vor dem Mauerbau handeln, gehen sehr weit zurück in die Vergangenheit. Es wird nicht nur die Geschichte der Stadt Berlin eingehend behandelt, sondern auch grundlegende Kenntnisse zur deutschen Geschichte ab dem 14. Jahrhundert vermittelt. Aspekte wie der Erste und Zweite Weltkrieg, die "Gruppe Ulbricht" und die Berlin-Blockade spielen eine wesentliche Rolle für die spätere Entwicklung. Nach diesen zum Teil sehr ausführlichen Erläuterungen nimmt der Zweikampf Erich Honecker gegen Willy Brandt ausschlaggebenden Raum ein. Während Brandt infolge seiner Amtszeit als West-Berlins Regierender Bürgermeister verzweifelt versuchte, diesen Teil der deutschen Hauptstadt aufrechtzuerhalten, benutzte Honecker seine Macht, um Menschen zu unterdrücken und in Angst zu versetzen. Weitere entscheidende Rollen in einer Zeit des Wandels, der Angst und des Freiheitsentzuges spielten der sowjetische Politiker und Regierungschef Chruschtschow sowie US-Präsident John F. Kennedy.

Nach dieser "Grundsteinlegung" werden nachfolgend die Jahre ab der Erbauung der Mauer bis zu ihrem Fall eingehend analysiert. Es zeigen sich auch die grausamen Seiten der Jahre der Trennung, die unter anderem durch Unterdrückung geprägt waren, wie auch durch die Fluchtversuche von DDR-Bürgern, die manchmal von Erfolg gekrönt waren oder tragischerweise misslangen. Die Skrupellosigkeit seitens der ostdeutschen Politik zeichnet Taylor anhand von Einzelschicksalen nach, die teilweise recht erschreckend auf den Leser wirken.

Frederick Taylor gelingt es mit seinem Buch, ein fundiertes Werk über die Berliner Mauer vorzulegen. Auch wenn der Untertitel den Anschein erweckt, dass erst die Entwicklungen ab August 1961 von Bedeutung sind, werden alle relevanten Informationen der Vorgeschichte mitgeliefert. Augenzeugenberichte werden durch vereinzelte Bilder unterstützt, die durch sorgfältige wissenschaftliche Recherche bestärkt werden. Die Rolle des Auslands wird in erster Linie durch die USA verdeutlicht, wenn Kennedy 1963 bei einem Besuch in West-Berlin erklärt: "Ich bin ein Berliner." Ähnlichkeiten zur Chinesischen Mauer sind unverkennbar, doch wurde diese zum Schutz vor Feinden errichtet. Die Berliner Mauer war dagegen eine Maßnahme der Unterdrückung von Bürgern, denen keine Wahlmöglichkeiten und Freiheiten gelassen wurden.

Susann Fleischer
06.04.2009 

 
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Das Buch:

Frederick Taylor: Die Mauer. 13. August 1961 bis 9. November 1989. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt

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Mnchen: Siedler Verlag 2009
576 S., 29,95
ISBN: 978-3-88680-882-3

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