Medien & Gesellschaft
Buenos Dias, Argentina
Die Goldenen Siebziger endeten hierzulande fußballerisch weder erfolgreich noch waren sie verzückend. Nachdem zu Beginn der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts Helmut Schöns Mannen erst begeisternd Europameister und später schon deutlich nüchterner Weltmeister geworden waren, parallel dazu in der Bundesliga und anschließend auch in Europa die Bayern ihren Siegeszug begonnen und die Gladbacher Fohlen als deren sehr ernstzunehmender und mindestens gleichwertiger Konkurrent einen wunderbaren Ball gespielt hatten, verpuffte diese Entwicklung leider zusehends. Uli Hoeneß' Fehlschuss in den Belgrader Nachthimmel und die Schmach von Córdoba ließen den deutschen Fußball nach den gescheiterten Titelverteidigungen auf dem Boden der Tatsachen ankommen.
Genau diese Jahre nimmt Michael Bolten in seinem neuesten Buch ins Visier: Der Titel "77/78 – Die Saison der Arbeiter" macht bereits deutlich, dass Fußball in Deutschland in diesen Jahren weniger zelebriert, sondern mehr malocht wurde. Sinnbildlich erzählt der Autor schwerpunktmäßig von Berti Vogts und dabei insbesondere von dessen Duellen mit Kevin Keegan, dem ersten ausländischen Popstar in der Bundesliga. Zunächst waren Vogts und seine Fohlen auf europäischer Ebene mehrfach auf Keegans FC Liverpool getroffen, anschließend nach dessen Wechsel zum Hamburger SV noch deutlich öfter auf ihn in der Fußball-Bundesliga. Während der eine grätschte und Gras fraß, sang sich der andere in die Herzen seiner Fans und wandelte leichtfüßig über den grünen Rasen, was zu zwei aufeinanderfolgenden Krönungen als Europas Fußballer des Jahres führte.
Einen anderen Schwerpunkt bildet die unsägliche Austragung der XI. Fußball-Weltmeisterschaft im Jahre 1978 in Argentinien. Zwei Jahre vor Turnierbeginn war nämlich nach einem Putsch eine Militärdiktatur in Argentinien etabliert worden, während der Oppositionelle einfach verschwanden, mutmaßlich nach Folterungen ermordet und entsorgt wurden. Tausende von Familien haben nie mehr etwas vom Verbleib ihrer vermissten Angehörigen gehört. Doch war die FIFA schon damals auf Linie mit Schurkenstaaten und vermied jegliche Konfrontation. Auch der DFB als mächtigster Landesverband im internationalen Fußball hätte sich insbesondere nach dem Verschwinden einer deutschen Studentin in Argentinien Gehör verschaffen können, doch kuschten Hermann Neuberger und seine Vasallen.
In dieser Gemengelage tummelt sich das vorliegende Buch. Der Autor, bekennender Fan von Fortuna Düsseldorf, hat bereits einige Fußballbücher publiziert und führt den interessierten Leser nun durch den bundesrepublikanischen Fußball in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Dabei bildet die Saison 1977/78 das Herzstück des Buches, einen zeitlichen Vorgriff leistet sich Bolten auf die Saison 1972/73, da seinerzeit Vogts und Keegan, die beiden so unterschiedlichen Protagonisten des Buches, erstmals in einem bedeutenden Spiel, dem UEFA-Cup-Finale, aufeinander trafen. Naheliegenderweise hat der Autor einen streng chronologischen Ansatz gewählt, dabei räumt er auch dem damaligen Zeitgeist sowie politischen Ereignissen genügend Platz ein, womit er dem Leser den zum Verständnis hilfreichen gesellschaftlichen Hintergrund aufzeigt.
Michael Bolten hat mit dieser knapp vier Jahrzehnte zurückliegenden Epoche eine sowohl sportlich als auch gesellschaftlich sehr interessante Zeit tiefgründig und kompetent beleuchtet. Keinen Gefallen hat er sich jedoch mit seiner Art und Weise des Genderns getan, das im vorliegenden Buch völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Jedes nur denkbar in männlichen und weiblichen Varianten vorkommende Substantiv wurde vom Autor mit Sternchen versehen, gerade der Begriff Zuschauer*innen kommt bei der Schilderung vieler Fußballspiele zig- bis hundertfach vor. Auch hätte sich der Autor seine vermehrten Seitenhiebe gegen die eine oder andere sicherlich gestrige Einstellung von Berti Vogts sparen können, schließlich herrschte in den siebziger Jahren noch eine andere Gesellschaftsordnung als heute. Leider gibt dies einer inhaltlich hervorragend recherchierten und kurzweilig in Szene gesetzten Abhandlung über ein Kapitel deutscher Fußball-Geschichte, in dem nicht nur eitel Sonnenschein herrschte, unnötigerweise einen faden Beigeschmack.
Christoph Mahnel
01.06.2026
