Medien & Gesellschaft

Der Sommer unseres Lebens

Die 18. Austragung der Fußball-Weltmeisterschaften anno 2006 war sicherlich für jeden, der diese Zeilen liest, eine ganz besondere. Ein Sommer voller Leichtigkeit mit scheinbar unendlich vielen Sonnenstunden, der sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Nation eingebrannt hat. Die Rede ist natürlich von der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland, die vorher und nachher mit viel Argwohn beäugt worden war, aber in den vier Wochen alle Zweifler bekehrte und auch diesen den Sommer ihres Lebens bescherte. Der deutsche Fußball schien nur wenige Wochen zuvor am Boden und bestenfalls bedingt konkurrenzfähig zu sein, die rot-grüne Regierung war einige Monate zuvor abgewählt worden und mit Angela Merkel die erste Frau ins Bundeskanzleramt eingezogen. Kurzum, keiner konnte glaubhaft einschätzen, was der Sommer 2006 bringen und wie sich Deutschland im Falle des zu erwartenden Scheiterns als Gastgeber präsentieren würde.

Doch als sich am Tag des Eröffnungsspiels in München die Sonne nach wochenlangem Aprilwetter ihren Weg durch die Wolken gebahnt und Philipp Lahm nach nur wenigen Minuten mit einem Traumtor den Bann gebrochen hatte, kannte die Euphorie in Deutschland keine Grenzen mehr und ein Traum von einem Sommer nahm seinen Lauf. Den Verlauf des gut vierwöchigen Turniers hätte kein Regisseur oder Autor besser schreiben können. Deutschland verzückte mit unvergesslichen Spielen gegen Polen, Schweden oder Argentinien und erreichte ein nie für möglich gehaltenes Halbfinale, das mit maximaler Tragik verloren ging, aber gerade deswegen Deutschland in der ganzen Welt trotz des Scheitern als freundliches und erfrischendes Land erscheinen ließ. Die Welt zu Gast bei Freunden war beileibe kein ausschließlicher Marketing-Slogan, sondern gelebte Praxis.

In diesem Sommer jährt sich diese unvergessliche Zeit bereits zum 20. Mal, weshalb es Zeit ist, einen Blick zurückzuwerfen in dieses Land während dieses Bilderbuchsommers. Auf dem Büchermarkt stechen zwei Werke hervor, die vielversprechend daherkommen und die Erwartungshaltung an sie auch vollends erfüllen: Ronald Rengs "Der deutsche Sommer" ist im Piper Verlag erschienen und lässt alleine ob des Autorennamens aufhorchen, schließlich ist Reng als hochdekorierter Autor in der Literaturszene des Fußballs anerkannt. Mit "Der Traumhüter" ließ er vor über 20 Jahren erstmals aufhorchen, es folgten mit der Biographie über Robert Enke oder mit "Spieltage", seinem gesellschaftlichen Rückblick auf ein halbes Jahrhundert Fußball-Bundesliga, Werke, die in jedem respektablen Bücherschrank eines Fußballfans ihren Platz haben.

Im Werkstatt Verlag hat mit Tim Frohwein ein weiterer Fußball-Intellektueller seinen Rückblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Buchform gegossen: "2006 - Sommermärchen des Jahrhunderts" lautet der Titel seines chronologischen Rückblicks auf den WM-Sommer und die darauf hinführenden Monate. Frohwein beginnt sein Tagebuch im Dezember 2005 und marschiert durch die betrüblichen Winter- und Frühlingsmonate in 2006 zielgerichtet auf den Klimax zu. Sehr präzise und mit vielen Details und Fakten rund um die Entwicklungen der Nationalmannschaft und der einzelnen Spieler versehen, ordnet er die Geschehnisse und Vorgänge auch zeitlich ein. Dabei blickt er über den Tellerrand des Fußballs hinaus und nimmt politische und gesellschaftliche Entwicklungen und Momentaufnahmen ins Visier und versetzt den Leser dank der vielen Informationen zurück ins Jahr 2006.

Dagegen cruist Ronald Reng auf vielen Nebenstraßen durch den Sommer 2006. Zwar beobachtet man in "Der deutsche Sommer" auch einen zeitlichen roten Faden, der sich leicht schimmernd zunächst entlang der Vorrundenspiele und später durch die K.O.-Spiele zieht, doch hat Reng seinen Blickwinkel deutlich breiter justiert, indem er mit Hilfe von vielen Charakteren und Geschichten ein Panoptikum zum Sommer 2006 abliefert. Sowohl im Prolog als auch im Epilog nimmt er zusammen mit dem Leser Kurs auf die ISS, auf der Thomas Reiter im zweiten Halbjahr 2006 den Blick auf die Erde richtete, ohne dass dieser das deutsche Halbfinale live mitverfolgen konnte. Darüber hinaus begleitet er einen Juniorenspieler von 1860 München namens Julian oder das Mädchen Alexandra, das im Sommer 2006 todtraurig ist, in der neuen Saison nicht mehr mit den Jungs in einer Mannschaft Fußball spielen zu dürfen. Ebenso nimmt er die Anfänge professionellen Datensammelns und -auswertens im deutschen Fußball ins Visier und lässt hinter die Stirn von Thomas Hitzlsperger blicken, der damals auf seine wenigen Einsatzminuten in der deutschen Mannschaft hinfieberte.

Auch wenn die Tage der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland zwanzig Jahre später immer noch so nah und gegenwärtig erscheinen, zeigen beide Autoren in ihren Büchern gleichermaßen auf, dass 2006 aus einer anderen Epoche stammen muss. So war das Smartphone noch nicht erfunden, Vorfälle und Begebenheiten wurden auf Social Media noch nicht breitgetreten. Vielmehr war Zinedine Zidanes Kopfstoß im Finale sogar der Stoff für das erste große Sport-Meme der Geschichte. All das und mehr erfährt man als Leser bei der Rückschau auf den fantastischsten Fußballsommer aller Zeiten. Die beiden vorliegenden Bücher konkurrieren nicht wirklich miteinander, denn während Tim Frohweins " 2006 - Sommermärchen des Jahrhunderts" den detailverliebten Fußballanhänger, der noch die Torschützen aus dem Spiel zwischen Togo und Südkorea herunterbeten kann, Tag für Tag durch das Jahr 2006 führt und dabei garantiert in Jubelstürme versetzen wird, kreiert Ronald Rengs Buch die Atmosphäre einer Zeit vor zwanzig Jahren. Beide Bücher bieten beste Unterhaltung und sorgen garantiert dafür, dass zahlreiche Videoschnipsel aus Youtube aufgerufen werden oder gar die alte DVD von Sönke Wortmanns Sommermärchen-Film ausgegraben und in den Player geschoben wird.

Christoph Mahnel 
18.05.2026

 

Das Buch:

Tim Frohwein: 2006 - Sommermärchen des Jahrhunderts

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Bielefeld: Verlag Die Werkstatt 2026 224 S., € 24,90 ISBN: 978-3-7307-0795-1

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Ronald Reng: Der deutsche Sommer - Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog

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München: Piper Verlag 2026 416 S., € 25,00 ISBN: 978-3-492-07407-0

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