Medien & Gesellschaft
Wilde Wendejahre
Die ausgehenden achtziger Jahre waren hierzulande geprägt vom Aufbegehren in der seinerzeit noch existierenden Deutschen Demokratischen Republik, vom Schrei nach Freiheit und Gerechtigkeit von zwanzig Millionen Menschen in einem Unrechtsstaat. Die schnelle Abfolge von Maueröffnung, Annäherung und Wiedervereinigung innerhalb von nicht einmal zwölf Monaten war ein historisch einmaliges Erlebnis auf der Überholspur, das allerdings viele Menschen in den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens schlichtweg überforderte. Auch der Fußball hinter der Mauer im Osten Deutschlands war darauf völlig unvorbereitet und im Zuge dieser Epoche beinahe an die Wand gefahren worden. Viele traditionsreiche Vereine aus Thüringen, Sachsen oder Brandenburg fanden sich innerhalb kürzester in den Niederungen des bundesdeutschen Amateurfußballs wieder und leider bisweilen auch heute noch darunter.
Jan Mohnhaupt untersucht diese wilden Jahren von 1989 bis 1992 sehr kurzweilig in seinem soeben im Werkstatt Verlag erschienenen Buch "Der geteilte Rasen". Der 1983 im Ruhrgebiet geborene Autor hat neben anderen Werken abseits des Fußballs bereits eine Biografie über Michael Tönnies, einen Kultkicker seiner Kindheit, veröffentlicht. Ob seines Werdegangs als Amateurfußballer im Westen wie auch im Osten kennt Mohnhaupt den Geruch der Grashalme in beiden Teilen Deutschlands und leidet mittlerweile als Anhänger des 1. FC Magdeburg mit einem der besagten Traditionsvereine, die nach dem Absturz rund um die Wiedervereinigung nun erst wieder langsam im Fußball-Oberhaus Fuß fassen. Schließlich besitzen die Anhaltiner als einziger Europapokalsieger der Deutschen Demokratischen Republik ein herausstechendes Alleinstellungsmerkmal.
Das vorliegende Buch beginnt Mohnhaupt mit einem sehr interessanten Gedankenexperiment. Im November 1989 fanden am letzten Spieltag der Qualifikation für die im Jahr darauf stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft in Italien zwei wegweisende Spiele für den deutschen Fußball statt. In Köln musste die bundesdeutsche, also westdeutsche Mannschaft ihr Spiel gegen Wales unbedingt gewinnen, während der DDR-Auswahl im Wiener Prater-Stadion gegen die österreichische Auswahl bereits ein Punktgewinn für die zweite Qualifikation zu einer WM-Endrunde nach 1974 genügt hätte.
Der Autor schwingt sich auf zu einer Darstellung der Ereignisse ohne einen Sahnetag von Toni Polster, aufgrund dessen die DDR sich mit einem Unentschieden das Ticket für Italien sicherte, währenddessen im Müngersdorfer Stadion "Icke" Häßlers Seitfallschuss an den Pfosten klatschte und die Reise für Beckenbauer und Co. weit vor dem Brenner endete. So triggert der Autor beim Leser Überlegungen, wie immens die Auswirkungen von Kleinigkeiten letztlich für den weiteren Verlauf der deutschen Fußballgeschichte waren.
Bei seiner chronologisch ausgerichteten Reise durch die wilden Wendejahre fokussiert sich Mohnhaupt schwerpunktmäßig auf einzelne Vereine und Protagonisten, deren Weg er anhand einzelner wegweisender Spiele und Ereignisse skizziert. Dabei wird deutlich, wie sich im Zuge der erlangten Freiheiten der Hooliganismus im Osten Deutschlands Bahn gebrochen hat. Gewalttätige Exzesse waren Standard an jedem Spieltag in diesen Jahren, ein Besucherrückgang die Folge, natürlich auch ob des Aderlasses der besten Kicker Ostdeutschlands an die westdeutschen oder gar europäischen Top-Adressen. Darüber hinaus waren die Verbandsbosse völlig überfordert, ständige Neuerungen bezüglich Zeitplänen und Personalien führten Kontinuität und klare Richtungsvorgaben ad absurdum.
Wer die Jahre des Umbruchs noch einmal Revue passieren lassen oder historisch besser verstehen möchte, warum der Osten Deutschlands heute bis auf wenige Ausnahmen spitzenfußballerische Diaspora ist, der sollte bei "Der geteilte Rasen" von Jan Mohnhaupt zugreifen. Das exzellent recherchierte Buch kommt auch optisch sehr ansprechend daher. Das Hardcover-Format und ein Lesebändchen lassen dieses Werk angemessen erscheinen. Der Autor hat zur Abrundung seines Rückblicks abschließend den Bogen in die Gegenwart gespannt. Zum einen widmet er das letzte Kapitel seiner offensichtlich neuen Liebe, dem 1. FC Magdeburg, im Hier und Jetzt und zum anderen erfährt der Leser auch noch komprimiert, was aus den im Buch vorkommenden Protagonisten der letzten Jahre des DDR-Fußballs geworden ist.
Christoph Mahnel
20.04.2026
