Medien & Gesellschaft
Dabei sein ist doch nicht alles
Im Februar blickte die ganze Welt auf Norditalien, denn die Austragung der 25. Olympischen Winterspiele konzentrierte sich gleich auf sechs Lokationen im italienischen Teil der Ostalpen. Als Spiele von Mailand und Cortina, um die beiden Zentren der Wettbewerbe hervorzuheben, wurden an siebzehn Tagen in 116 Wettbewerben Olympiasieger gesucht und gekürt. Zum ersten Mal seit 20 Jahren fanden Olympische Winterspiele endlich wieder einmal in den Alpen statt, nachdem das IOC in den vergangenen zwei Jahrzehnten solch krude Wintersportorte schuf wie Peking, Sotschi oder Pyeongchang. Also "winter sport is coming home"? Leider nicht wirklich, denn das Argument der Italiener, weitestgehend bestehende Anlagen und Infrastruktur zu nutzen und damit nachhaltig zu sein, erwies sich mit Blick auf die nicht so recht aufkommende Euphorie als trügerisch. Mit den sich über mehrere hunderte Kilometer ausbreitenden Austragungsorten waren die Wettbewerbe viel zu sehr verteilt, was einem bereits während der Eröffnungsfeier und den wechselnden Live-Schaltungen so richtig bewusst wurde.
Sportlich waren die Erwartungen wie immer aus allen Perspektiven enorm. So wurden von der deutschen Delegation Heldentaten erhofft, obgleich die Ergebnisse im Laufe der Olympiasaison doch bereits ahnen ließen, dass einstige Medaillenschmieden dieses Mal nicht liefern würden. Ein Highlight versprach das Eishockey-Turnier der Herren zu werden, da die nordamerikanische Profiliga NHL ausnahmsweise mal für die Olympischen Spiele die Saison unterbrochen hatte, um den besten Spielern der Welt die Teilnahme an Olympia für ihr Heimatland zu ermöglichen. Im Zuge dieser Euphorie war man auch in Deutschland auf die Idee gekommen, dass die deutsche Mannschaft als beste Mannschaft in der deutschen Eishockey-Geschichte Medaillenchancen besäße. Doch weit gefehlt, ein Viertelfinal-Aus für Leon Draisaitl und Co. sowie ein fünfter Platz für Deutschland im Medaillenspiegel mit lediglich acht Goldmedaillen stellten die schlechteste Ausbeute seit der Wiedervereinigung dar. Die einstige Wintersportnation Deutschland landete in vielen Sportarten entweder auf dem undankbaren vierten Platz oder gar noch weiter hinten in den Ergebnislisten.
Medaillenwürdig kommt aber auf jeden Fall das Olympia-Buch aus dem Werkstatt Verlag daher. In guter alter Tradition publizieren Ulrich Kühne-Hellmessen und Detlef Vetten bereits wenige Tage nach dem Erlöschen der Olympischen Flamme ein Hochglanzprodukt, das Siege, Niederlagen und ganz viele olympische Momente wieder in Erinnerung ruft. Ganze acht Tage benötigten die beiden Autoren zusammen mit ihrem Verlagsteam dieses Mal, um nach der letzten Entscheidung im Eishockey-Finale ihr Buch in den Buchläden zu präsentieren. Auf 160 Seiten wird der begeisterte Leser komprimiert über alle Entscheidungen wort- und bildreich informiert.
Auf dem Titelbild springt einen die Freude der Rodel-Tobis direkt entgegen. Auf den Gesichtern von Tobias Wendl und Tobias Arlt, die mit einer Gold- und einer Bronzemedaille nunmehr zu den insgesamt erfolgreichsten deutschen Winterolympioniken aufschwangen, ist pure Freude, gar Ekstase zu erkennen. Mit Emma Aicher und Philipp Raimund sind zwei weitere positive Überraschungen der Spiele aus deutscher Sicht abgebildet. Beim Aufschlagen des Buches finden sich auf den ersten drei Doppelseiten die Jubelbilder von den Siegerehrungen der deutschen Gold-, Silber- und Bronzemedaillengewinner. Da auf den beiden Seiten mit den Olympiasiegern noch ein wenig Platz war, wurden gleich noch die vier Biathleten der deutschen Männer-Staffel von 2014 abgebildet, die nach dem Dopingfall bei der einst siegreichen russischen Staffel nun nachträglich im Rahmen der Spiele von Mailand und Cortina mit zwölf Jahren Verspätung die Goldmedaille zugesprochen bekamen.
Wer die Olympia-Bücher von Kühne-Hellmessen und Vettel kennt, der wird sich sogleich zurecht finden. Ein chronologisches Tagebuch mit den wichtigsten Entscheidungen, dazu die eine oder andere Anekdote und schließlich am Ende des Buchs ein Statistik-Teil, der keine Wünsche offen lässt.
Was allerdings beim vorliegenden Werk auffällt, sind die vielen kritischen Töne. So nimmt Detlef Vetten in seinem Vorwort zu dem zentralen Tagebuch-Teil kein Blatt vor den Mund. Sei es der Gigantismus des IOC, sei es die von den Sportlern zahlreich thematisierte sterile Atmosphäre oder seien es gesellschaftliche Entwicklungen, wenn Sportler und ihre Leistungen in der Anonymität der sozialen Medien Hass erfahren, der Autor benennt die Themen klar und deutlich. Genauso macht es Felix Neureuther, der als Gast-Kommentator im Nachwort mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg hält. Als ehemaliger Skirennläufer weiß Neureuther, wo der Schuh drückt und welchen Stellschrauben man sich widmen muss, will Deutschland auf lange Sicht wieder erfolgreich sein und Kinder und Jugendlich runter vom Sofa und in den Sport bewegen.
Doch bei allen negativen Begleittönen ist der Erwerb dieser Olympia-Chronik ein Muss für jeden Sportbegeisterten.
Christoph Mahnel
04.05.2026
