Medien & Gesellschaft

Als der Fußball nach Hause gekommen war

Ziemlich genau vor sechzig Jahren befand sich der deutsche Fußball in einer ähnlich prekären Lage wie im Jahre 2025. Im alles entscheidenden Qualifikationsspiel musste unbedingt ein Sieg her, ansonsten hätte die bevorstehende Fußball-Weltmeisterschaft ohne deutsche Beteiligung stattgefunden. Und das bei der achten Austragung des globalen Championats, das nach anfänglichem Fremdeln großer Nationen nun endlich etabliert war und zum ersten Mal Station machen sollte im Mutterland des Fußballs. England war nämlich Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaft 1966, ein deutsches Fehlen wäre unverzeihlich gewesen. Doch die Aufgabe war enorm, ein Sieg musste her in Stockholm gegen die starken Schweden, gegen die man sieben Jahre zuvor im WM-Halbfinale noch unterlegen war. Was folgte, ist Geschichte, eine Blitzheilung Uwe Seelers, das helle Erleuchten eines neuen Sterns namens Franz Beckenbauer und überschwängliche Freude über die gelungene Qualifikation, die schlussendlich ein knappes Jahr später mit dem Wembleytor enden sollte.

Aus deutscher Sicht hat man bezüglich Fußball-Weltmeisterschafen natürlich das "Wunder von Bern" als historischen Ankerpunkt fixiert, doch weltweit war das 66er-Turnier in gewisser Weise der Urknall der Fußball-Weltmeisterschafen. Nach einer Klopperei vier Jahre zuvor in Chile hatten dieses Mal 71 Nationen ihr Interesse bekundet, nachdem zuvor quasi jede Nation mitspielen durfte, die Zeit und Lust hatte. Letztlich spielten 16 Länder den Titelträger aus, erstmals fanden großflächige Fernsehübertragungen auf der ganzen Welt statt. Am Ende sollte die strittigste Entscheidung der Fußballgeschichte das Mutterland des Fußballs zum Weltmeister krönen. Ein Fluch für England, denn seither flehen sie die Fußballgötter an, dass der Fußball wieder nach Hause kommen und ihnen einen großen Titel bescheren möge. Aus deutscher Sicht war das tragische Finale hingegen der Startschuss für die Erfolge in den Goldenen Siebzigern.

Dietrich Schulze-Marmeling widmet sich der Fußball-Weltmeisterschaft 1966 in seinem neuesten Werk: "1966 - Wembleytor und Swinging Sixties" lautet dessen Titel. Wie dieser schon andeutet, beschränkt sich der Autor hier nicht nur auf das dreiwöchige Turnier und den Fußball, sondern blickt auch auf das in dieser Zeit von England ausgehende Lebensgefühl. Schulze-Marmeling und sein Co-Autor Huber Dahlkamp, mit dem er nun zum wiederholten Male zusammengearbeitet hat, beginnen ihre Erzählung knapp zwei Jahre vor dem Eröffnungsspiel in London. Die beiden Spielzeiten 1964/65 und 1965/66 nehmen ausgiebig Anlauf für das Endrundenturnier im Juli 1966. In diese Perioden fällt schließlich auch die erwähnte Qualifikation der deutschen Nationalmannschaft, die keineswegs ein Selbstläufer war. Der neue Bundestrainer Helmut Schön bastelte lange und zwischenzeitlich ohne Erfolg und Fortune an einer schlagkräftigen Formation. Insofern erinnern dessen Bemühungen ein wenig an Julian Nagelsmanns Experimente seit der Heim-EM 2024, die in der schwerwiegenden Auftaktniederlage zur Qualifikation gegen die Slowakei gipfelten.

Schulze-Marmeling und Dahlkamp haben das vorliegende Buch weitestgehend in einem Tagebuch-Stil verfasst und führen so chronologisch durch die Zeit von September 1964 bis Juli 1966. Ihre Tagebucheinträge beziehen sich schwerpunktmäßig auf die fußballerischen Ereignisse in Deutschland und England, doch streuen sie darüber hinaus Nachrichten und Meldungen abseits des runden Leders ein. Damit wird es dem Leser ermöglicht, die sportlichen Ereignisse in einem größeren Kontext einzuordnen. Leider bleibt mit diesem Format die Lesbarkeit ein wenig auf der Strecke. Die beiden Autoren schließen ihre Erzählungen nicht mit dem Finale von Wembley, sondern blicken im abschließenden Kapitel auf die Zeit danach und das Vermächtnis der Fußball-Weltmeisterschaft 1966.

Wie immer bei Schulze-Marmelings Werken ist selbst der größte Fußball-Fan und -Kenner am Ende wieder einmal ein wenig schlauer als zuvor. Neben der bereits erwähnten wackeligen Angelegenheit, was die deutschen Bemühungen, sich für die Endrunde zu qualifizieren, betrifft, erhellen vor allem die Einblicke auf die Vorgänge auf der Insel. Zwar mussten sich Alf Ramseys Männer nicht qualifizieren, doch auch hier war der Prozess der Mannschaftsfindung ähnlich wie in Deutschland eine gewaltige Herausforderung und in Teilen auch glücklichen Fügungen unterlegen. "1966 - Wembleytor und Swinging Sixties" ist beileibe kein Buch über eine Fußball-Weltmeisterschaft, wie man es für gewöhnlich zwei Wochen nach einer solchen im Buchhandel erwerben kann, sondern es lässt viel tiefer blicken und ist versehen mit dem Wissen über die knapp sechzig Jahre danach eine sehr gelungene Einordnung dieses Turniers in die Geschichte des Fußballs.

Christoph Mahnel 
24.11.2025

 

Das Buch:

Dietrich Schulze-Marmeling, Hubert Dahlkamp: 1966 - Wembleytor und Swinging Sixties

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Bielefeld: Verlag Die Werkstatt 2025 256 S., € 24,90 ISBN: 978-3-7307-0780-7

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