Medien & Gesellschaft

Auf Du und Du mit den Schachweltmeistern

In den vergangenen Wochen und Monaten vermochte es der ansonsten weitgehend ein Nischendasein pflegende Schachsport des Öfteren, sich recht prominent in den Medien zu platzieren. Zum einen war da die Reminiszenz an den größten aller Schachwettkämpfe vor 50 Jahren, das Match zwischen dem Amerikaner Bobby Fischer und seinem sowjetischen Rivalen Boris Spassky auf Island, bei dem der Kalte Krieg für einige Wochen lang auf 64 Feldern ausgetragen wurde. Zum anderen ist es dieser Tage die streitbare Person des sportlich alles überragenden Schachweltmeisters Magnus Carlsen, die es zu gleich zwei Themen bis in die Schlagzeilen der Sport-Rubriken schaffte. Die Ankündigung des Norwegers, vorerst auf weitere Titelverteidigungen seiner Weltmeisterkrone - immerhin seit 2013 in dessen Besitz - zu verzichten, wird ähnlich kontrovers diskutiert wie seine Anschuldigungen gegenüber dem jungen US-amerikanischen Großmeister Hans Niemann, dem er Betrügereien während dessen Partien in hochdotierten Turnieren vorwirft.

Auf diesem "Höhepunkt" des öffentlichen Schachinteresses fallen zwei Neuerscheinungen auf dem hiesigen Büchermarkt auf durchaus fruchtbaren Boden. Den schlichten Titel "Schach!" trägt das Werk von Ben Graff, einem englischen Journalisten, der selbst ein durchaus passabler Spieler ist, aber vor allem viel Leidenschaft für das Spiel hegt. Dies wird bereits in seinen einleitenden Worten deutlich, wenn er über seine Begegnungen mit Großmeistern berichtet und das Leuchten in Graffs Augen für jedermann spürbar wird. Seine beigefügte Simultanpartie gegen Viktor Kortschnoi, einen der besten sowjetischen Schachspieler der Siebziger, macht nicht nur die Extraklasse Kortschnois deutlich, sondern auch Graffs talentiertes Bemühen, diesem maximalen Widerstand zu leisten.

Im Hauptteil seines Buches, das als nahezu quadratisches Hardcover einen sehr stabilen und qualitativ hochwertigen Eindruck macht, widmet sich Graff allen Schachweltmeistern von Wilhelm Steinitz bis zu Magnus Carlsen, dem sechzehnten Weltmeister der Schachgeschichte. Absolut stringent räumt der Autor jedem der 16 Weltmeister exakt acht Seiten ein. Auf diesen berichtet er über deren Werdegänge und Charakteristika, dazu kommen mehrere bedeutende Partien und Stellungen mit genialen Zügen für die Ewigkeit. Die angloamerikanische Färbung dieses Werks wird am deutlichsten, wenn jeder Protagonist auf einer Doppelseite mit einer grafikreichen Statistik zu dessen Erfolgen illustriert wird. Für die holde Weiblichkeit beschränkt sich Graff auf drei Schachspielerinnen, deren Wirken das Frauenschach nachhaltig veränderte.

Im Schlussteil legt der Autor seinen Fokus auf drei bedeutende Weltmeisterschaftskämpfe der Schachgeschichte. Neben dem bereits erwähnten "Kampf des Jahrhunderts" auf Island sind es zwei innersowjetische Duelle, die Legendenstatus erlangten. Zum einen lieferten sich anno 1978 Anatoli Karpow, der linientreue Sowjetsoldat, und sein unangepasster Rivale Viktor Kortschnoi einen sensationellen Fight auf den Philippinen, zum anderen hat es das "unendliche Match" zwischen Anatoli Karpow und dem jungen Garry Kasparow von 1984/85 in diese Auswahl geschafft. Abschließend beleuchtet Graff die Entwicklung des Computerschachs über die letzten zwei Jahrhunderte hinweg, beginnend beim "Türken", einem in einer Holzkiste versteckten Schachspieler, bis hin zu Deep Blue, dem Rechengiganten von IBM, der endgültig den Wettbewerb zwischen Mensch und Maschine für sich entschied.

In einer weiteren Neuerscheinung beim Droemer Verlag stehen zwei deutsche Autoren hinter "Schachgeschichten", einem Buch über das Who-is-who des Schachs der letzten siebzig Jahren und über die Verquickungen zwischen Mathematik und Schach. Für letzteres ist Prof. Dr. Christian Hesse zuständig, ein Mathematik-Professor und Schach-Liebhaber. Als Intimus zu den Großen des Schachs fungiert mit Frederic Friedel eine graue Eminenz des Schachsports und eine der bedeutendsten Figuren der deutschen Schach-Szene. Als Mitgründer von ChessBase und mithilfe seiner empathischen Art fand er Zugang zu sämtlichen Weltmeistern und Weltklassespielern seiner Zeit. Egal ob aus West oder Ost, Friedel war für viele der Mann ihres Vertrauens. Somit sind seine Erzählungen im vorliegenden Buch ein unschlagbarer Quell an Einblicken in das Denken und Handeln führender Schach-Koryphäen.

Wie ein roter Faden zieht sich durch "Schachgeschichten" der stete Wechsel zwischen Anekdoten von Frederic Friedel und mathematischen Spielereien aus der Feder von Christian Hesse. Dabei parliert letzterer mal über magische Quadrate, mal bringt er den Kopf der Leser mit seinen "Zen-Logicals" zum Glühen, sehr speziellen Rätseln, die richtig schwer zu knacken sind. Friedel und Hesse schlagen in ihrem Buch mit der Integration von QR-Codes sehr gelungen die Brücke zwischen statischen Buchinhalten und den dynamischen Möglichkeiten im World Wide Web. Zu betrachteten Partien oder Stellungen kann sich der Leser mit dem Scannen des QR-Codes auf seinem Smartphone oder Tablet zusätzliche Informationen einholen und vor allem unterstützt durch eine Schach-Engine eigenständig bestimmte Varianten nachspielen und prüfen. Auch Verweise auf zusätzliches Material in Form von Interviews etc. erhält der interessierte Leser auf diese Weise.

Wer im Hier und Jetzt seinen Horizont über das königliche Spiel erweitern möchte, sollte bei diesen beiden Neuerscheinungen einen Halt einlegen, wobei der Novize seine Begeisterung für Schach und dessen Geschichte bevorzugt bei dem Produkt aus dem Werkstatt Verlag stillen sollte, während sich der erfahrenere Spieler eher an den persönlichen Begegnungen Frederic Friedels mit zahlreichen Schachweltmeistern erfreuen wird. "Schach!" und "Schachgeschichten" sind wunderbare Belege dafür, dass das königliche Spiel trotz fortschreitender Digitalisierung und Perfektionierung durch Schach-Engines immer noch von seinen menschlichen Protagonisten geprägt wird und seinen Reiz selbst durch unschlagbare Maschinen niemals verlieren wird.

Christoph Mahnel 
05.12.2022

 
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Das Buch:

Ben Graff: Schach! Die grten Meister und wichtigsten Partien im Spiel der Knige

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Bielefeld: Verlag Die Werkstatt 2022 208 S., 34,90 ISBN: 978-3-7307-0626-8

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Frederic Friedel, Prof. Dr. Christian Hesse: Schachgeschichten. Geniale Spieler - Clevere Probleme

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Mnchen: Droemer Verlag 2022 288 S., 20,00 ISBN: 978-3-426-27876-5

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