Medien & Gesellschaft

Eingeschrnkt heiter

Anfang der Siebziger Jahre war Deutschland noch eine junge Bundesrepublik, die rund 25 Jahre nach Kriegsende unter Bewährung stand und deren Agieren von der gesamten Welt kritisch beäugt wurde. Darüber hinaus manifestierte sich in diesen Jahren die Trennung der beiden deutschen Staaten immer weiter. Inmitten dieser Zeit des Kalten Krieges waren zwei Männer auf die verwegene Idee gekommen, das die Völker des Erdballs verbindende Fest der Olympischen Spiele nach Deutschland zu holen. Nur 36 Jahre nach der verlogenen Berliner Propagandaschau Adolf Hitlers sollten die XX. Olympischen Sommerspiele 1972 in München stattfinden, der Stadt, die als Keimzelle der Nationalsozialisten einen denkbar schlechten Ruf genoss. Doch Willi Daume, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, und Hans-Jochen Vogel als Münchener Oberbürgermeister trieben ihre Idee so vehement voran, dass die Wahl der IOC-Granden tatsächlich auf die bayerische Landeshauptstadt fiel.

Alles sollte anders werden als 1936: Um der Welt zu gefallen und ein neues, freundliches Deutschland zu präsentieren, waren sämtliche Überlegungen von diesen Prämissen geprägt. Heitere Spiele sollten es werden, das gesamte Look & Feel, auch wenn man es damals sicherlich noch nicht so nannte, sollte bunt und ungezwungen sein. Tatsächlich begannen die Olympischen Spiele von München auch als die heiteren Spiele, so dass sich die Weltöffentlichkeit in Lobeshymnen über den Veranstalter ergoss. Selbst der Wettergott spielte mit und ließ die farbenfrohen Spiele noch heller strahlen. Bis zum Morgen des 5. September 1972, als der Tag anbrach, der die fröhliche Veranstaltung abrupt beenden und einen Schatten auf die Spiele von München werfen sollte, den Chronisten bis heute als den dunkelsten Tiefpunkt der Olympischen Spiele der Neuzeit benennen.

Dennoch tut man den Spielen von München unrecht, sie nur auf das grausame Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft zu reduzieren. Dies ist auch der Ansatz, den die beiden Journalisten Roman Deininger und Uwe Ritzer in ihrem kürzlich beim dtv erschienenen Buch "Die Spiele des Jahrhunderts" wählen. Ein halbes Jahrhundert nach den Spielen von München ist ein hervorragender Zeitpunkt, um sich mit der Bedeutung und Wirkung dieser globalen Veranstaltung in der bayerischen Landeshauptstadt auseinanderzusetzen. Dass die beiden in Bayern beheimateten Autoren bereits in der Vergangenheit erfolgreich zusammengearbeitet und gemeinsame Publikationen herausgebracht haben, ist deutlich zu spüren, kommt ihr neuestes Buch doch wie aus einem Guss daher.

"Die Spiele des Jahrhunderts" nimmt einen mit auf eine lange Reise durch das 20. Jahrhundert. Seinen Anfang nimmt es 1936 mit Hitlers Spielen in Berlin und begibt sich im weiteren Verlauf über den Zweiten Weltkrieg hinweg in die Nachkriegszeit, als Deutschland wieder laufen lernen musste. Der Fokus des Buchs ist natürlich auf München und die Entwicklung dieser Stadt gerichtet. Des Weiteren legen die beiden Autoren ihre Schwerpunkte auf Menschen, die für die späteren Spiele in München entscheidend waren. So zeichnen Deininger und Ritzer ein besonders positives Bild von Willi Daume und Hans-Jochen Vogel, zwei Männern, ohne die "München 1972" nie möglich gewesen wäre. Auch Avery Brundage, den dann bereits sehr greisen IOC-Präsidenten, begleiten die Autoren über die Jahrzehnte und verhehlen nicht dessen krude Überzeugungen und antisemitische Züge.

Die bis heute letzten Olympischen Spiele auf deutschem Boden wären als fantastisches und heiteres Fest in die Geschichte eingegangen, hätten Terroristen es nicht für ihre eigenen Zwecke missbraucht. Was aber bleibt, ist eine Veranstaltung, die auch heute noch eine Sogwirkung entfaltet, selbst bei denjenigen, die sie damals selbst noch nicht live mitverfolgen konnten. Roman Deininger und Uwe Ritzer leisten mit ihrem Buch großen Vorschub bei dieser Sogwirkung, da sie ein Werk abliefern, das sehr viele Facetten rund um die Spiele von München abdeckt, vordergründig politische, gesellschaftliche und sportliche Aspekte. Selbst die Architektur und der visuelle Auftritt der Spiele werden entsprechend gewürdigt. Man steigert sich als interessierter Leser förmlich in einen Rausch und nimmt in gespannter Erwartung die vielen Handlungsstränge auf, die von den beiden Autoren ausgelegt werden. "Die Spiele des Jahrhunderts" schwingt sich als umfassendes Kaleidoskop der Spiele von München zu deren Standardwerk in der Neuzeit auf.

Christoph Mahnel 
02.05.2022

 
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Das Buch:

Roman Deininger, Uwe Ritzer: Die Spiele des Jahrhunderts - Olympia 1972, der Terror und das neue Deutschland

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Mnchen: dtv 2021 528 S., 25,00 ISBN: 978-3-423-28303-8

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