Medien & Gesellschaft

Mehr als ein Champagner-Publikum

Die Fans des FC Bayern werden ob der manchmal etwas wenig frenetischen Stimmung in der heimischen Allianz-Arena von Anhängern anderer Bundesliga-Klubs gerne mitleidig und gleichermaßen zynisch belächelt. Man wähnt daher in der Heimstätte des erfolgreichsten deutschen Fußballvereins ein Champagner-Publikum, das nur dann applaudiert und den Mund aufmacht, wenn die Körpertemperatur dank der zugigen Luftverhältnisse zu sinken beginnt und wieder ein wenig durch körperliche Aktivität angetrieben werden muss. Natürlich stellt sich bei nunmehr acht Meisterschaften in Folge, bei mehr als dreimal so vielen Double-Gewinnen als alle anderen deutschen Mannschaften zusammen, bei unterjährigen Siegesserien, für die die Finger beider Hände selten ausreichen, eine gewisse Sättigung im Anhang ein. Umso erstaunlicher ist angesichts dessen die Leistung der Vereinsführung und der sportlichen Leitung, die Truppe auf dem Platz gegenüber solchen Anflügen zu immunisieren.

Doch zurück zum Münchener Publikum: Während man sich anderswo als "Randalemeister" feiern lässt und gleichzeitig die unglaubliche Stimmung anpreist, wird der Anhang des FC Bayern diesen scheinbaren Makel des verwöhnten Event-Publikums, das angeblich lieber Häppchen vertilgt und mit edlem Tröpfchen anstößt, nicht los. Allerdings kommt nun mit "Mia san die Bayern!" eine Geschichte der rot-weißen Fankultur daher, die mit diesen Vorurteilen aufräumt und einen sehr aufschlussreichen Einblick in die Geschichte der Anhängerschaft des FC Bayern liefert. Christoph Leischwitz hat dieses Werk verfasst, das im Göttinger Werkstatt Verlag das Licht der Welt erblickte. Der Autor ist mit seinen Beziehungen in die Münchener Fanszene prädestiniert für dieses Thema und mithilfe seines journalistischen Talents hat er die Münchener Fangeschichte äußerst unterhaltsam zu Papier gebracht.

Die chronologisch ausgerichtete Erzählung nimmt ihren Anfang zu Beginn des 20. Jahrhunderts kurz nach Gründung des Vereins. Zumindest für die erste Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gibt es allerdings wenig zu berichten. Ein Fan-Sein im heutigen Sinne existierte praktisch nicht, obgleich zur ersten Deutschen Meisterschaft im Jahre 1932 beim Finale in Nürnberg und hernach bei den Siegesfeierlichkeiten in München schon ein beachtlicher Menschenauflauf zu verzeichnen war. Zwar ließ sich in den Nachkriegsjahren bereits eine enorme Begeisterung für das runde Leder beobachten, doch entwickelte sich, wie Leischwitz glaubhaft darlegt, die Fankultur erst in den Sechziger Jahren mit der Gründung der Bundesliga. Die ersten Fanklubs schließlich gründeten sich in München während der ersten dominanten Phase des FC Bayern in Europa rund um den Umzug ins Olympiastadion. Die "Südkurve 73" gilt als ältester FC-Bayern-Fanklub und Falk Diehl als eines ihrer Gründungsmitglieder ist besagter Kontakt zum Autor, der dessen Leben und Verbundenheit wie einen roten Faden durch das vorliegende Buch spinnt.

Die Insider-Informationen in "Mia san die Bayern!" gehen bisweilen über den bayrischen Horizont hinaus und lassen gerade in den wilden Achtzigern manchen unbedarften Leser erschauen. Es war die Zeit des aufkommenden Hooliganismus, der Deutschland und ganz Europa überzog. Schilderungen rund um ein WM-Qualifikationsspiel in den Niederlanden, bei dem Ultras aus ganz Deutschland ihr übles Werk verrichteten, sorgen dafür, dass der Leser eine distanzierte Haltung einnimmt. Anschließend genießt man förmlich die emotionalen Auseinandersetzungen über die "Scheißstimmung" in der Allianz-Arena, wie sie einst von Uli Hoeneß bei der Jahreshauptversammlung als Verantwortung der Fans zurückgeschmettert wurde. Leischwitz schließt seine Geschichte über die Fankultur beim FC Bayern mit einem offenen Ende, da mit dem abrupten Eintritt von Corona ein im Frühjahr 2020 brodelndes Thema über Fußball und Kommerz, Katar und Dietmar Hopp zwischen dem Verein und seinen Anhängern bis heute ungeklärt geblieben ist.

"Mia san die Bayern!" ist eine gänzlich andere Geschichte über 120 Jahre FC Bayern. Natürlich sind die Eckpunkte in der Erinnerung die gleichen, doch erzählt aus einer völlig anderen Perspektive. Historische Schwerpunkte in der Fanszene dagegen bilden Themen, die dem Betrachter aus der Ferne größtenteils unbekannt sind. Leischwitz öffnet dem "normalen" Fan, dem es vielleicht einmal in der Saison gelingt, Karten für ein Bayern-Spiel zu erhalten und der sich ansonsten im wohltemperierten Wohnzimmer vorm Fernseher austobt, die Augen, was es bedeutet, mit Leib und Seele dem Verein zu dienen und verfallen zu sein. An dieser Stelle unterscheiden sich Bayern-Fans garantiert nicht von ihren Kompagnons in Schwarz-Gelb oder Königsblau. Fan des FC Bayern zu sein, dies wird im vorliegenden Buch deutlich, ist ein Privileg. Auswärtsspiele in ganz Europa, die Festtage des Fußballs in der Regel mit eigener Beteiligung erleben zu dürfen, in diesen Genuss kommen hierzulande nur Bayern-Fans. Als Preis dafür nimmt man haltlose Vorwürfe zur schlechten Stimmung oder zu emotionslosen Meisterfeiern sicherlich gerne in Kauf.

Christoph Mahnel 
01.12.2020

 
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Das Buch:

Christoph Leischwitz: Mia san die Bayern! Die Geschichte der rot-weien Fankultur

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Gttingen: Verlag Die Werkstatt 2020 224 S., 18,00 ISBN: 978-3-7307-0518-6

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