Medien & Gesellschaft

Als der Fuball seine Unschuld verlor

Andreas Buck pflügte dank seiner außergewöhnlichen Schnelligkeit in den Neunziger Jahren entlang der Außenlinien und durchs Mittelfeld der deutschen Fußballstadien. Auf die stattliche Zahl von 268 Bundesligaspielen ist der gebürtige Geislinger gekommen. Experten erinnern sich an ihn ob seiner Zeiten in Stuttgart und beim 1. FC Kaiserslautern. Buck gehört dank dieser Gastspiele auch zu einer ganz seltenen Spezies im deutschen Fußball: Er gewann zweimal die Deutsche Meisterschaft, ohne je beim FC Bayern München gespielt zu haben, ein wahrlich kleiner Kreis von nur zwölf Fußballern seit Anbeginn der Bundesliga. Dass in naher Zukunft hier weitere Spieler hinzustoßen, erscheint ob der gegenwärtigen Dominanz der Bayern unwahrscheinlich bis unmöglich.

"Turbo", so nannten sie einst Andreas Buck, der mit einer Zeit von 10,8 Sekunden auf 100 Meter auch heute noch ein gefragter Mann im Fußball wäre. "Turbo" hat Andreas Buck schließlich auch sein Buch betitelt, das dieser Tage im Tropen-Verlag erschienen ist und in dem er einen Rückblick auf seine Karriere und den Fußball zu seiner aktiven Zeit wagt. Als Buck aktiv kickte, war der Fußball noch ein anderer Sport als heute und vor allem nicht das Milliarden-Business dieser Tage. Als Jugendlicher stand er an der Seitenlinie seines Heimatvereins und durfte beobachten, wie sein SC Geislingen als Amateurverein im DFB-Pokal den Hamburger SV, seinerzeit frisch gekürter Europapokalsieger, aus dem Wettbewerb kickte. Anno 1984 war die Welt noch in Ordnung und der Fußball im Großen und Ganzen unschuldig und mitunter romantisch. Bucks Karriere, die drei Jahre später ihren Anfang nahm, fällt damit genau in die Schnittstelle zur neuen Zeit, als der Fußball auf und vor allem abseits des Platzes Geschwindigkeit aufnahm.

Für das vorliegende Buch hat sich Buck Unterstützung bei Johannes Ehrmann geholt. Als Mitglied der Autoren-Nationalmannschaft ist der in Berlin wirkende Journalist und Schriftsteller das perfekte Pendant zum geradlinigen Ex-Fußballer. Ehrmann hatte vor vier Jahren mit "Großer Bruder Zorn" bereits einen sehr achtbaren Roman ganz ohne Fußball vorgelegt, in dem er den Weddinger Kiez unter die Lupe nahm. In "Turbo" sorgt er dafür, dass der Lesefluss erhalten bleibt und die Story von einem Höhepunkt zum nächsten jagt. Letztlich ist das Buch mit seinen elf Kapiteln und gut 200 Seiten leider etwas zu kurz geraten. Als Leser hätte man gerne noch mehr aus dem Nähkästchen erfahren, doch Buck ist beileibe kein Nestbeschmutzer. Eine Abrechnung mit Vereinen oder Trainern hat er schlicht und einfach nicht nötig.

"Turbo" besticht durch ehrliche Einblicke in den Profi-Fußball und erinnert an Gegebenheiten der deutschen Fußballgeschichte um die Jahrtausendwende, die man selbst als Fußballkenner nicht unbedingt mehr parat hat. Gleich zu Beginn seiner Karriere war Buck in das Stuttgarter Wechseldrama von Leeds involviert. Im entscheidenden Qualifikationsspiel zur damals neu gegründeten Champions League standen sich mit dem VfB Stuttgart und Leeds United der deutsche und der englische Meister gegenüber. Nach einem überzeugenden Sieg im Hinspiel hätten sich die Stuttgarter im Rückspiel mit Ach und Krach knapp durchgesetzt, wäre Christoph Daum nicht ein fataler Wechselfehler unterlaufen. So war das Spiel mit 0:3 gegen Stuttgart gewertet worden, was ein Entscheidungsspiel zur Folge hatte, das die Engländer schließlich für sich entscheiden konnten. Und Andreas Buck war mittendrin in diesem Drama und erlebte seine ersten großen Drucksituationen, die ihn über seine gesamte Karriere hinweg begleiten sollten.

Andreas Buck gehört zur reflektierten Spezies von Profifußballern, die sich nicht mit markigen Sprüchen profilieren müssen. Seine schwäbische Herkunft und Bodenständigkeit lassen ihn offen aussprechen, wie er sich während seiner Karriere fühlte, welchen Verführungen er unterlag und wie sehr er im Nachgang darunter leiden musste. Als Fußballfan freut man sich, dass ein fast schon vergessener Kicker der Neunziger Jahre knapp zwanzig Jahre nach dem Karriere-Ende seine Gedanken- und Gefühlswelt zum Besten gibt. Die schriftstellerische Beistellleistung seitens Johannes Ehrmann führt schließlich dazu, dass man "Turbo" analog zum Titel und der einstigen Beschleunigung des Protagonisten in einem Rutsch durchliest.

Christoph Mahnel 
09.11.2020

 
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Das Buch:

Andreas Buck, Johannes Ehrmann: Turbo - Mein Wettlauf mit dem Fuballgeschft

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Stuttgart: Tropen 2020 224 S., 20,00 ISBN: 978-3-608-50469-9

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