Medien & Gesellschaft

Besser geht's nicht

Wenn dieser Tage der dreißigste Jahrestag des deutschen Triumphs bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien gefeiert wird und man sich an die Spiele dieses deutschen Sommers zurückentsinnt, wird man natürlich unweigerlich an die heftigen Emotionen und abgekauten Nägel erinnert, als Rudi Völler gegen Holland völlig zu Unrecht vom Platz gestellt wurde oder Beckenbauers Mannen nervenstark den Engländern im Elfmeterschießen des Halbfinales den Schneid abkauften. Doch belegen Aufzeichnungen auf verstaubten VHS-Kassetten oder bei YouTube, dass der Fußball seinerzeit noch ein ganz anderer war. Tempo und Intensität von damals können mit dem Spitzenfußball dieser Tage keinem Vergleich standhalten, auch die taktischen Elemente haben in der Zwischenzeit einige Evolutionsstufen nach oben genommen. Die Ursachen für diese rasante Entwicklung sind vielfältig, sicherlich waren die Gründung der Champions League und der Premier League starke Treiber dafür, dass das Produkt "Fußball" immer weiter professionalisiert und perfektioniert wurde.

Der englische Fußballjournalist Michael Cox hat diese drei Dekaden intensiv analysiert und dabei herausgefunden, dass länderspezifische Merkmale und Stile der führenden europäischen Fußballnationen in annähernd vierjährigen Abschnitten diese Entwicklung gegenseitig befeuert und vorangetrieben haben. "Umschaltspiel" lautet der Titel dieses imposanten Werks, das als deutsche Übersetzung des englischen Originals "Zonal Marking: The making of modern European football" beim Suhrkamp Verlag erschienen ist. Cox ist auf der Insel ein geschätzter Analytiker, dessen Taktikblog bereits mit einigen Meriten versehen wurde. Schon vor drei Jahren hat er mit "The Mixer" ein Buch über die taktischen Entwicklungen in der Premier League herausgebracht, das in England für Begeisterung sorgte. Mit dem paneuropäischen Ansatz, die einzelnen Erfolgsepochen der Nationalmannschaften und der nationalen Ligen zu beleuchten, erreicht Cox nun allerdings eine ungleich größere Zielgruppe.

Gleich im Vorwort schickt er vorweg, dass die Grenzen dieser der Einfachheit halber auf vier Jahre angesetzten Epochen sicherlich fließend sind. Dennoch lässt sich diese einprägsame Einteilung sehr gut nachvollziehen, bedenkt man die Dominanz der Holländer und von van Gaals Ajax Mitte der Neunziger, bevor die italienischen Mannschaften mit ihrer ausgeprägten taktischen Stärke das Ruder übernahmen. Kurz nach der Jahrtausendwende bildeten schließlich Zidane und Co. das Nonplusultra im europäischen Fußball. Während der Nuller Jahre begründete dann das Auftauchen eines Trainer-Parvenüs und die Entfaltung einer Goldenen Generation die Epoche der portugiesischen Vormachtstellung. Diese wurde wiederum eindrucksvoll vom geographischen Nachbarn auf der iberischen Halbinsel beendet, als die spanische Nationalmannschaft den sicherlich beeindruckendsten Fußabdruck der vergangenen dreißig Jahre hinterließ und einem Kannibalen gleichkommend Titel um Titel einheimste. Aber auch diese Epoche des Ballbesitzfußballs fand irgendwann ihr Ende und markierte den Beginn der deutschen Dominanz, die mit dem WM-Titel 2014 gekrönt wurde. Den Abschluss von Cox' Reise durch die letzten dreißig Jahre endet schließlich in dessen englischer Heimat, wo ein Mix der vorangegangenen Stile zur vollen Blüte gelangt ist.

Das historische Fußballwissen von Michael Cox ist enorm, sein Fleiß, sich durch das endlose Recherchematerial, das natürlich auch viele landesspezifische Quellen enthält, zu arbeiten, ist aller Ehren wert, doch sein größter Trumpf ist die Fähigkeit, seine ganzen Beobachtungen in Einklang zu bringen, darin Strukturen zu erkennen sowie Ähnlichkeiten und Unterschiede auszumachen. Die Zielgruppe seiner Ausführungen ist ohne Zweifel der Fußballfan mit einem erheblichen Erfahrungsschatz bei der Unmenge an Spielern, Trainern und Ereignissen, die Cox anführt, so dass beim Leser das im Kopf gespeicherte Archiv heißläuft. Um die Stilwechsel zu erläutern, die von Epoche zu Epoche abliefen, muss der Autor natürlich in taktische Tiefen abtauchen, doch versteht es Michael Cox ganz hervorragend, sein Buch nicht in ein wissenschaftliches Expertenwerk abdriften zu lassen, sondern dies in einem sehr gut lesbaren Plauderton rüberzubringen. Die gut 500 Seiten vergehen beim Rauschen durch die letzten drei Jahrzehnte des europäischen Fußballs wie im Flug.

Seit "Revolutionen auf dem Rasen", Jonathan Wilsons Meisterwerk zur Historie der Fußballtaktik, hat es kein Buch mehr gegeben, das dem wissbegierigen Fußballfan mehr liefert als Michael Cox' "Umschaltspiel". Der Titel steht dabei nicht nur für ein Schlagwort aktueller Fußballtaktik, sondern ist auch ein zentrales Element im vorliegenden Buch. Zwischen den jeweils knapp hundertseitigen Ausführungen zu den einzelnen Perioden der Vorherrschaft schiebt Cox stets ein kurzes Kapitel "Umschaltmoment" ein, in dem er versucht, den Übergang von einer Epoche zur nächsten konkret festzumachen. Als Momentum der deutschen Machtübernahme hat Cox die Champions-League-Saison 2013 identifiziert, als Bayern und Dortmund im Halbfinale die spanischen Top-Klubs abservierten und mit dem anschließenden Finale von Wembley ein ausgemachtes Spektakel ablieferten. Der Autor hat mit seinem Werk selbst eine epochale Standardlektüre geschaffen, die eine detaillierte und fundierte Analyse zur Entwicklung des modernen europäischen Fußballs beinhaltet, so dass an diesem Buch kein Fußballfan vorbeikommt!

Christoph Mahnel 
13.07.2020

 
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Das Buch:

Michael Cox: Umschaltspiel - Die Evolution des modernen europischen Fuballs. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer

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Berlin: Suhrkamp Verlag 2020 504 S., 20,00 ISBN: 978-3-518-47076-3

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