Medien & Gesellschaft

Game, Set and ???

Ganz oben thronen seit Jahren Djokovic, Federer und Nadal. Das Treppchen der Weltrangliste im Herren-Tennis ist fest in Händen dieses Triumvirats. Für viele Spieler abseits dieser Güteklasse ist die Tennis-Weltrangliste jedoch ein unerfüllter Sehnsuchtsort. Wie gerne würden sie dieses eine Pünktchen erringen, das ihnen Eintritt in die Woche für Woche veröffentlichte Rangliste gewährt. Felix Hutt ist ein solcher Kandidat, der am Ende seiner sportlichen Karriere den Entschluss fasst, doch noch seinen Fußabdruck in der Tennis-Geschichte zu hinterlassen. Als Junior war er im bayrischen Tennisverband eine veritable Hoffnung, der vielleicht eine Karriere im großen Tennis-Zirkus beschieden sein könnte. Doch das wirkliche Leben verlief wie so oft ganz anders: Hutt studierte Journalismus und verdingte sich erfolgreich als Redakteur, ohne jedoch den Kontakt zum Tennissport gänzlich zu verlieren.

Im Januar 2017 sitzt er mit knapp 100 Kilogramm Körpergewicht im Urlaub vor dem Fernseher, als Roger Federer, dessen Weg er als Jugendlicher einmal kreuzte, bei den Australian Open in einem epischen Finale Novak Djokovic in fünf Sätzen niederringt. Hutt ist angetan, ja besessen von der Idee, sich selbst noch einmal in Form zu bringen und es bis in die Tennis-Weltrangliste zu schaffen. Gesagt, getan: Ein paar Abschiedsbiere und ein letzter Schweinsbraten, bevor er beginnt, sich in Form zu bringen. Peu à peu nähert er sich seinem Ziel an. Hutt hat einen klaren Plan: In exotischen Ländern will er sich auf unterklassigen Turnieren, sogenannten Futures, den einen Weltranglisten-Punkt holen. "Buschpunkte" werden diese im Fachjargon genannt, da man Strapazen auf sich nimmt, die andere ambitionierte Spieler eher meiden. Mit Uganda, Pakistan und Israel hat Hutt einige wahrlich nicht alltägliche Länder auf seine Reiseroute gepackt.

"Lucky Loser" lautet der Titel des Buches, in dem der 1979 geborene Hutt seine abenteuerlichen Erlebnisse zum Besten gibt. Als Lucky Loser bezeichnet man im Tennis einen Spieler, der in der im Vorfeld eines Turniers ausgetragenen Qualifikation zwar ausgeschieden ist, aber aufgrund der Absage eines für das Hauptfeld qualifizierten Spielers noch als "glücklicher Verlierer" nachrücken kann. Mitunter haben Lucky Loser sogar schon Turniere gewonnen, bei denen sie eigentlich vor Beginn bereits ausgeschieden waren. Das Leben von Qualifikanten ist ein äußerst steiniges, wie Hutt zu berichten weiß. Oftmals reist er als Spieler außerhalb jeglicher Ranglisten zu Turnieren an und weiß nicht einmal, ob er überhaupt im Qualifikationsfeld Berücksichtigung finden wird. So werden seine Trips rund um den Erdball zu Gedulds- und Nervenproben noch vor dem ersten Aufschlag.

Hutts eloquente und unterhaltsame Ausführungen sind flüssig zu lesen. "Lucky Loser" zieht einem von dem Moment des Entschlusses, das Racket wieder aus der Ecke zu holen, in seinen Bann. Der Autor und Tennisspieler macht keinen Hehl daraus, dass Leidenschaft und Besessenheit bei ihm einen Drahtseilakt vollführen. Genervt vom Bitten und Betteln bei der Turnierleitung, aufgrund der weiten Reise einen Platz im Qualifikationsfeld zu erhalten, schlägt seine kindliche Vorfreude dann im negativen Falle auch in Wut, Enttäuschung und unkontrollierte Ausbrüche um. Wenn das vorliegende Buch einen Makel hat, dann ist es das Bild des Felix Hutt, das der Leser bei dessen Odyssee über mehrere Kontinente erlangt. Er kommt beileibe nicht als sympathischer Typ rüber, wenn er wieder einmal von sich in der dritten Person oder gar vom "Huttinger" spricht. Auch der Umgang mit seiner Ehefrau, die die Tennis-Begeisterung ihres Mannes nicht teilt, ist hier und da grenzwertig. Vielleicht nimmt Felix Hutt sich bei seinem nächsten Projekt die Erdung seiner selbst vor, um zu einem besseren Menschen zu reifen.

Das Buch selbst lebt natürlich auch von der Spannung, ob es Felix Hutt tatsächlich gelingt, den einen "Buschpunkt" irgendwo in Hinter-Absurdistan zu erringen. Man mag sich nämlich kaum vorstellen, was aus Felix Hutt werden sollte, wenn er keinen Haken hinter dieses To-do auf der Mach-Mich-Liste seines Lebens machen kann. "Lucky Loser" führt einem vor Augen, welche weitreichende und völkerverständigende Bedeutung Sport haben kann und welche Lektionen man daraus für sein Leben lernen kann. So sind die Erfahrungen, die Hutt auf dem Tennisplatz macht, während er auf eine gelbe Filzkugel eindrischt, letztlich viel mehr wert als souveräne Zweisatzsiege oder verlorene Tie-Breaks nach vergebenen Matchbällen. Freunde von Sportbüchern mit authentischen Innenansichten von Athleten werden an "Lucky Loser" ihre Freude haben, auch wenn sich der sportliche Stellenwert zur Beletage in etwa so verhält wie ein Future-Turnier in Kampala zum Centre Court in Wimbledon.

Christoph Mahnel 
24.06.2019

 
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Das Buch:

Felix Hutt: Lucky Loser. Wie ich einmal versuchte, in die Tennis-Weltrangliste zu kommen

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Berlin: Ullstein extra 2019 240 S., 14,99 ISBN: 978-3-86493-065-2

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