Medien & Gesellschaft

Krakauer lebt!

Mit seiner Reportage des hautnah miterlebten Bergsteiger-Dramas am Mount Everest von 1996 hatte sich Jon Krakauer vor über zwanzig Jahren in die Beletage der Sachbuchautoren geschrieben. In "In eisige Höhen" schilderte er die unglückliche Verkettung zahlreicher Fehlentscheidungen zweier Everest-Expeditionen, die insgesamt acht Menschen das Leben kostete. Fortan fanden alle Werke aus seiner Feder große Beachtung, wie zum Beispiel seine erschreckende Reportage "Mord im Auftrag Gottes" über fundamentalistische Mormonen im US-Bundesstaat Utah oder sein Bericht über den Aussteiger Christopher McCandless in "In die Wildnis", welcher vor einigen Jahren sehr erfolgreich mit Sean Penn verfilmt worden war. In den letzten Jahren war es um den 1954 geborenen Krakauer etwas ruhiger geworden. Somit war Anlass genug gegeben, einmal zu recherchieren, was er in den vielen Jahren seines journalistischen Schaffens denn bereits so alles verfasst hat.

"Classic Krakauer" heißt der dieser Tage auf Deutsch erschienene Sammelband mehrerer Reportagen und Essays, die Jon Krakauer in den letzten knapp dreißig Jahren geschrieben und in diversen Magazinen veröffentlicht hatte. Insgesamt sind es neun Geschichten geworden, die auf den gut 200 Seiten zwischen den beiden Hardcover-Deckeln Platz gefunden haben. Sieben davon sind aus den Neunziger Jahren, die beiden verbleibenden stammen aus dem Jahre 2014. Die vier aufsehenerregendsten Publikationen sind dem populären amerikanischen Outdoor-Magazin "Outside" entnommen und nehmen den Leser mit auf Kurzreisen ganz im Stile seiner Bestseller "Into Thin Air" oder "Into the Wild".

So startet "Classic Krakauer" mit dem dramatischen Tod des hawaiianischen Surfers Mark Foo, der kurz vor Weihnachten 1993 dem Wahnsinn der Riesenwellen bei Mavericks im Norden Kaliforniens erlegen war. Krakauer bewies bereits in diesem 1995 verfassten Artikel sein großartiges Erzähltalent, das einen beim Lesen wie gebannt an den Lippen des Autors hängen lässt. Eine Hommage an einen großen amerikanischen Bergsteiger ist der im Sommer 1992 erschienene Artikel über Fred Beckey. Der 1923 in Düsseldorf geborene Beckey prägte das Bergsteigen im Amerika des 20. Jahrhunderts wie kein Zweiter. Zahlreiche Erstbesteigungen und Routenentdeckungen konnte er sich an sein Revers heften. Den eigenbrötlerischen und nach normalen gesellschaftlichen Maßstäben als eremitisch zu bezeichnenden Beckey durfte Krakauer zusammen mit dessen Eigenarten höchstpersönlich auf einer Tour begleiten. Davon berichtet eines der neun Kapitel im vorliegenden Buch.

Die mit knapp 50 Seiten längste Reportage bildet "Zu Tode geliebt", ein erschütternder Tatsachenbericht über ein Business, das in den USA in den Neunziger Jahren giftige Blüten trieb. Schwer erziehbare Kinder reicher Eltern wurden in sogenannten Wildnisschulen über mehrere Wochen, teilweise sogar Monate hinweg von ehemaligen Militärs in der Natur gedrillt. Doch gingen diese Boot Camps weit über den Rand der Erschöpfung hinaus und forderten in einigen Fällen sogar Todesopfer. Von einigen sehr dramatischen Fällen und den sich anschließenden Scharmützeln vor Gericht berichtet Krakauer auf eindringliche Weise. Ein auch heute noch sehr aktuelles Thema wird in "Tod und Wut am Everest" aufbereitet. Darin beschreibt der Autor die Hintergründe, die vor einigen Jahren zu den Protesten und dem Streik der Sherpas am Mount Everest führten. Unhaltbare Zustände und lebensgefährliche Situationen prangerten die Lastenträgern nach einer Serie tödlicher Unfälle am höchsten Berg der Welt an und forderten mehr Sicherheit und eine angemessene Bezahlung.

Viele der Reportagen in "Classic Krakauer" regen den Leser sogleich an, noch mehr darüber in Erfahrung zu bringen, im Internet zu recherchieren und sich gegebenenfalls weiteres Info- und auch Bildmaterial zu Gemüte zu führen. Es wird selbst in diesen Kurzwerken Krakauers aus unterschiedlichen Schaffensepochen deutlich, was diesen Schriftsteller auszeichnet, nämlich seinen Leser mit Erfahrungsberichten und fundierten Recherchen zu begeistern und zu fesseln. Da er in diesem Jahrzehnt nur ein Buch produziert hat, das in einer deutschen Übersetzung vorliegt, bleibt zu hoffen, dass Krakauers Schaffenskraft noch lange nicht versiegt ist und er an interessanten Themen dran ist. Vielleicht ist "Classic Krakauer" von seinen Agenten und Verlagen als Überbrückungshilfe gedacht, um die Lust des Lesers auf baldige Neuerscheinungen hochzuhalten.

Christoph Mahnel 
06.05.2019

 
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Das Buch:

Jon Krakauer: Classic Krakauer. Die besten Reportagen aus drei Jahrzehnten. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Frey

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Mnchen: Malik Verlag 2019 208 S., 24,00 ISBN: 978-3-89029-515-2

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