Medien & Gesellschaft

Fußball zwischen Weichsel und Wolga

In diesem Sommer rückte mit der Austragung der 21. Fußball-Weltmeisterschaft in Russland eine Region in den Mittelpunkt, die in den letzten Jahrzehnten ein wenig aus dem Fokus des Weltfußballs geraten war, sich in der Geschichte des Fußballs jedoch große Verdienste erworben hatte. Der Osten Europas führte gerade in den Jahren nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein recht stiefmütterliches Dasein auf der Weltkarte des Fußballs. Doch blickt man zurück, stößt man auf viele prägende Epochen. Als der Fußball Anfang des 20. Jahrhunderts hierzulande noch in den Kinderschuhen steckte, lag die Keimzelle des Fußballs - einmal abgesehen von der britischen Insel - in Ländern wie der Tschechoslowakei oder Ungarn beziehungsweise in den entsprechenden Regionen der k. und k. Monarchie.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg reüssierten Mannschaften aus dem Osten Europas. Allen voran natürlich das ungekrönte ungarische Wunderteam, das erst von Herbergers Mannen völlig überraschend im 54er WM-Finale von Bern gestoppt worden war. Diese Mannschaft markierte einst die Ablösung des englischen Fußballs als Europas Nummer Eins. In späteren Jahren waren fundamentale fußballerische Entwicklungen in der Sowjetunion vonstattengegangen, genauer gesagt im ukrainischen Teil, wo mit Waleri Lobanowski ein Pionier des modernen Fußballs wirkte. Dass jugoslawische Mannschaften oftmals den feinsten Fußball Europas spielten, hat sich auch mit der Zerschlagung von Titos Vielvölkerstaat nicht geändert, wie neulich die kroatische Finalteilnahme bei der Weltmeisterschaft unter Beweis stellte. Als nächstes wäre sogleich die polnische Mannschaft der Siebziger und frühen Achtziger zu nennen, was einen rasch feststellen lässt, dass sich die Aufzählung beinahe beliebig fortführen ließe.

Mit Dr. Stephan Krause, Prof. Dr. Christian Lübke und Dirk Suchow haben sich drei wissenschaftliche Mitarbeiter bzw. gar der Direktor des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europas, kurz GWZO, in Leipzig an die Arbeit gemacht, die kulturellen und geschichtlichen Hintergründe des Fußballs im osteuropäischen Raum näher zu beleuchten. Herausgekommen ist dabei mit "Der Osten ist eine Kugel" ein Werk, das einen abtauchen lässt in verschiedene Episoden und Epochen des Fußballs in sämtlichen Regionen Osteuropas. Hierfür haben die drei Herausgeber viele namhafte Autoren des Fußballs, aber auch solche abseits des runden Leders gewinnen können. So kommt mit Dietrich Schulze-Marmeling einer der erfolgreichsten deutschen Fußball-Publizisten der Gegenwart zu Wort. Wenig überraschend hat der Autor der im vergangenen Jahr erschienen Lew-Jaschin-Biografie Interessantes über eben diesen russischen Torhüter, für viele der Torwart des 20. Jahrhunderts, zu berichten.

Natürlich darf die bereits erwähnte "Goldene Mannschaft" der Ungarn aus den Fünfzigern im vorliegenden Werk nicht fehlen. Gleich in mehreren Abschnitten ist dieses Ensemble begnadeter Kicker zentraler Gegenstand der Ausführungen. Ihrem Kapitän, dem unvergessenen Ferenc Puskás, ist gar ein eigenes Kapitel gewidmet. Mit Ernst Wilimowski, einem frühen "Poldi", hat der Historiker und Sportwissenschaftler Dietmar Blecking ein interessantes Kapitel deutsch-polnischer Sportgeschichte ausgegraben. Doch auch Gebiete der osteuropäischen Fußball-Diaspora erhalten ein wenig Scheinwerferlicht: Die Republik Moldau hat offen gesagt erst wenig Meriten im Fußball erworben, doch ist die Geschichte des FC Sheriff Tiraspol als Rekordmeister des Landes mit seinen undurchsichtigen Strippenziehern und den Unabhängigkeitsbemühungen Transnistriens eine definitiv erzählenswerte Geschichte.

Man merkt in "Der Osten ist eine Kugel" rasch, dass hier Akademiker am Werk waren. Die präzisen Recherchen sind durch umfangreiche Quellenangaben dokumentiert. Doch gibt es in dem reich bebilderten Werk auch einige Stellen, an denen die allzu ernsten Themen weichen müssen, wenn zum Beispiel eine Typologie des Flutlichtmasts im östlichen Europa zum Besten gegeben wird. Krause, Lübke und Suckow haben mit dem vorliegenden Buch ein imposantes Kompendium geschaffen, in dem der osteuropäische Fußball eine Einbettung in die jeweilige Kultur und Geschichte erfährt. Mit knapp 500 Seiten ist "Der Osten ist eine Kugel" kein Werk, das ein stringentes Studium von der ersten bis zur letzten Seite verlangt. Stattdessen lässt es dem interessierten Leser die Freiheit, sich heute diese und morgen jene Ausführung vorzunehmen. Erneut ein Buch aus dem Göttinger Werkstatt Verlag, der für Freunde von Fußballbüchern immer wieder Überraschungen abseits des gängigen Mainstreams bereithält.

Christoph Mahnel
24.09.2018

 
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Das Buch:

Stephan Krause, Christian Lübke, Dirk Suckow (Hg.):
Der Osten ist eine Kugel - Fußball in Kultur und Geschichte des östlichen Europa

Bild: Buchcover Stephan Krause, Christian Lübke, Dirk Suckow (Hg.), Der Osten ist eine Kugel - Fußball in Kultur und Geschichte des östlichen Europa

Göttingen: Verlag Die Werkstatt 2018
492 S., € 24,90
ISBN: 978-3-7307-0388-5

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