Medien & Gesellschaft

Bogart meets Churchill & Roosevelt

Casablanca - eine Stadt mit einem gewaltigen Hauch von Mystik und Nostalgie. Die größte Stadt Marokkos steht synonym für einen Filmklassiker der Extraklasse. Humphrey Bogarts Auftritt als zynischer Bar-Betreiber Rick ist jedem, der den Film ein oder mehrere Male gesehen hat, unwiderruflich ins Gedächtnis gebrannt. Und das obwohl Bogart dafür seinerzeit nicht einmal den Oscar für die beste männliche Hauptrolle erhielt. In "Rick´s Café Américain", einem Treffpunkt vieler Emigranten, die ob des tobenden Weltenbrands in Europa ihr Heil in der Flucht nach Amerika suchen, trifft er auf Ilsa, seine ehemalige Geliebte. Ähnlich hochklassig wie Bogart füllt die unvergessliche Ingrid Bergmann diese Rolle aus. "Ich seh Dir in die Augen, Kleines", "Ich glaube, dies ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft" oder "Spiel es nochmal, Sam" sind darüber hinaus Zitate aus "Casablanca", die auch siebzig Jahre danach noch ihren Platz im Wortschatz vieler Menschen haben.

Nur wenige Monate nach dem Filmstart von "Casablanca" begab es sich im Januar 1943, dass in der marokkanischen Metropole zwei Schwergewichte der Weltpolitik zu einer Konferenz zusammentrafen. Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt hatten sich nach Casablanca aufgemacht, um dort die weitere Strategie und Zielsetzung in ihrem Kampf gegen Hitler-Deutschland und die verbündeten Achsenmächte zu besprechen. Da England zu diesem Zeitpunkt militärisch immer noch mit dem Rücken an der Wand stand, lagen bei Churchill große Hoffnungen auf dem Zusammenspiel mit den Amerikanern, die erst kurz zuvor in den Krieg eingetreten waren. Elf Tage lang wurden unter höchster Geheimhaltung zahlreiche Besprechungen abgehalten, bevor am Ende in einem Abschluss-Kommuniqué die bedingungslose Kapitulation der Achsenmächte erstmals explizit als Kriegsziel deklariert wurde.

Der langjährige SPIEGEL-Redakteur Norbert F. Pötzl, bekannt durch einige seiner zeitgenössischen Biografien, behandelt dieses zeitliche Zusammentreffen von fiktivem Spielfilm und realer Konferenz in seinem neuesten Werk: "Casablanca 1943. Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges". Bereits nach wenigen Seiten wird einem als Leser klar, dass hier ein Autor mit großem Detailwissen rund um Film und Geschichte am Werk war. Geschickt verknüpft er die Entstehungsgeschichte des Films mit der Kriegsentwicklung in den Jahren 1942 und 1943. Im Mittelpunkt stehen dabei auf der einen Ebene reale Persönlichkeiten wie die beiden Konferenz-Teilnehmer Churchill und Roosevelt sowie Charles de Gaulle als Führer der freien Franzosen ein weiterer wichtiger "Player" der Alliierten, auf der anderen Ebene überzeugt Pötzl mit sehr detaillierten Einblicken in die Protagonisten des Films. Dabei fokussiert er sich nicht nur auf die Hauptdarsteller, sondern hat auch einige Nebenfiguren im Blick, deren historische Einbettung er gleich mitliefert.

Egal wie oft man "Casablanca" bisher gesehen hat, nach diesem Buch wird man den Film aus einer ganz anderen Perspektive betrachten. Man wird einige Szenen aufgrund des Hintergrundwissens um Schauspieler und Entstehung des Films genauso wie um die tatsächlichen Begebenheiten noch besser verstehen und einordnen können. Pötzl fördert in seinen Darstellungen auch einige Anachronismen und Ungereimtheiten zu Tage, die im Film nicht ganz zeitgemäß bzw. realitätsgetreu verarbeitet worden sind. Auch wenn das beim Siedler Verlag erschienene Buch vom Umfang her recht überschaubar ist, verlangt es vom Leser doch einiges an Ausdauer und Beharrlichkeit ab, um die Informationsfülle aufnehmen und verarbeiten zu können. Es empfiehlt sich daher, einiges an Vorwissen mitzubringen, da dies das Lesevergnügen deutlich erleichtert.

Als Leser wird man überrascht sein, dass die vom Autor herbeigeführte Verquickung von Film und politischer Realität nicht rein zufälliger Natur ist, sondern tatsächlich ein Beziehungsgeflecht zwischen Warner Bros. und der US-amerikanischen Regierung nicht ganz unbeteiligt an einigen Aspekten rund um den Film "Casablanca" war. Das vorliegende Buch wird den Film- wie auch den Geschichtsfreund exzellent unterhalten und ihn am Ende des Buches schlauer zurücklassen als zu Beginn desselben. Pötzl ist mit "Casablanca 1943" ein Geschichtsthriller auf zwei Erzählebenen gelungen. Sein Wissen um den Film und die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist außerordentlich. Sein Buch leidet allerdings unter der sehr komprimierten Darstellung der Inhalte, hier hätte ein etwas ausführlicherer Ansatz die Lesbarkeit und die inhaltliche Mitnahme für den Leser erhöhen können.

Christoph Mahnel
08.01.2018

 
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Das Buch:

Norbert F. Pötzl:
Casablanca 1943 - Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges

Bild: Buchcover Norbert F. Pötzl, Casablanca 1943 - Das geheime Treffen, der Film und die Wende des Krieges

München: Siedler Verlag 2017
256 S., € 20,00
ISBN: 978-3-8275-0088-5

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