Biographie

Leben unter dem Regenbogen

Die Autorin, Jahrgang 1949, lässt auf über 400 Seiten ihr bewegtes Leben Revue passieren.

Ihre Kindheit, sie ist das jüngste von fünf Geschwistern, ist geprägt vom Leben auf einem idyllischen Bauernhof. Mit viel Liebe zu Details erinnert sie sich an diese unbeschwerte, aber auch sehr arbeitsreiche Zeit. Sie hat jedoch auch recht dunkle Seiten, wie sich noch herausstellen wird.

Nach dem Umzug in das eigene Haus der Eltern fühlt sich das Mädchen aber wie eine Gefangene, so als wurde sie da eingesperrt, denn ein Teil ihrer Seele ist nicht mit umgezogen.

Der Vater, erst Arbeiter und dann Totengräber, gibt durch sein Verhalten oft Anlass, sich seiner zu schämen. Das Mädchen versucht immer wieder vergeblich, von ihrer Mutter geliebt zu werden, was ihr aber nicht gelingt. Schlimme Schikanen und Verleumdungen sind die Folge. Dazu kommt noch der Streit mit einer älteren Schwester.

Die Autorin konnte so manche Erlebnisse aus ihrer Kindheit weder ihren Freunden noch ihrer Familie erzählen, weil sie sich deswegen schämt. Dieses Schweigen, Vergessen und Verdrängen machten sie als junge Frau schwach.

Zwei schwere Operationen im Alter von 25 und 38 Jahren haben die mittlerweile zweifache Mutter mehrfach an den Tod denken lassen. Während einer Kur will sie "Frieden für dieses sinnlose Leben finden", wie sie selbst sagt. Dort kommt sie in Kontakt mit der japanischen Heilkunst Reiki und erfährt neuen Lebensmut.

Dieser ist für sie auch der Grund, noch einmal zurückzuschauen und nach dem Ursprung ihres "Nicht-leben-Wollens" zu suchen. Es ist ihre innere Stimme, die sagt: "Gisela! Höre, rieche, aber schaue vor allem noch einmal dahin, wo deine Sinne ihre Kräfte verloren haben. Hör auf zu schweigen. Fange an, über das, was du dabei fühlst, zu sprechen." Damit beginnt für sie die Suche nach dem Sinn des Lebens. Sie hat sich vor einen Spiegel gestellt und ihre Gefühle der kleinen Gis - wie man sie als Kind nannte - in dem Spiegel erzählt.

Die Autorin nennt die in ihr erkannten Gefühle auch Lehrfächer. So oft sie aus diesen Fächern etwas verstanden hatte, entstand ein Gedicht oder ein Reim daraus, zum Beispiel für falsche Macht, Lüge, Egoist, Dummheit, Strafe, Geilheit, Leid und Wahnsinn. Ihre inneren Selbstgespräche benutzt sie als Dialog, die doch sehr persönliche und auch intime Dinge preisgeben. Das hat für den Leser aber den Vorteil, viele ihrer Gedanken und Handlungen logisch nachzuvollziehen. So vergleicht sie sich auch einmal mit einer Bohrmaschine, die ihrem Besitzer einfach nur zu dienen hat.

Zahlreiche und recht ausführliche Rückblenden beschreiben ein Mädchen, eine junge und erwachsene Frau, die oftmals Angst und Gewalt erleben mussten. Markante Vorkomnisse sind unter anderem das Schlachten ihres geliebten Schafes Hansi, sexueller Missbrauch sogar von der eigenen Schwester, erste Erfahrungen in der Liebe in den wilden Siebzigerjahren, Hochzeit und Geburt der Kinder. Besonders das Verhalten der Mutter macht ihr bis zu ihrem Tod zu schaffen. Sie beschreibt es mit dem Gedanken: "Ja, eine Mutter hat jeder, aber ich wollte eine Mama haben."

Auch mithilfe dieses Buches hat sich die Autorin von allem freigemacht, was sie früher belastet hat. Sie ist seit Längerem selbst als Reiki-Meisterin tätig und hat Freude daran, anderen Menschen zu helfen. Ihre Zukunft heißt nun "Freiheit".

Hugo Meier
12.05.2014


Die Lesung im Deutschen Literaturfernsehen finden Sie hier.

 
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Das Buch:

Gisela Wurzinger: Leben unter dem Regenbogen

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Frankfurt: August von Goethe Literaturverlag 2014
464 S., 27,80
ISBN: 978-3-8372-1401-7

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