Biographie

Der Architekt der indischen Demokratie

Das Gl?ck, B?rger eines demokratischen Staatsgebildes zu sein, kann man als Deutscher vor dem Hintergrund dunkler Kapitel in der eigenen Vergangenheit gar nicht hoch genug sch?tzen ? obwohl es heute vielen offenbar eher gleichg?ltig ist. Andere V?lker, die steinige Wege auf dem langen Weg zur nationalen Souver?nit?t zur?ckgelegt haben, gehen mit dem Geschenk m?glicherweise nicht ganz so teilnahmslos um.

Betrachtet man die Flagge Indiens und ihre Interpretation, so versteht man schnell, wie schwierig und auch langwierig solche Prozesse sein k?nnen: die dreifarbige Flagge mit dem Rad in der Mitte steht f?r die friedliche Koexistenz der drei gr??ten religi?sen Gruppen des Landes (Hindus, Moslems, Sikhs) und die Besinnung auf die eigenen Kr?fte. Die endg?ltige Befreiung des indischen Subkontinents von der englischen Kolonialherrschaft kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bedurfte eines starken Willen, Charakter und Ausdauer ? und diese Eigenschaften manifestierten sich in den Personen Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru (1889-1964). Das Leben des Mannes, der unter dem Ehrentitel "Pandit" (d.h. Gelehrter) Nehru 1947 erster indischer Premierminister wurde, schildert die aufschlu?reiche Biographie aus der Feder des indischen UNO-Diplomaten und Schriftstellers Shashi Tharoor.

Tharoor hat eine Biographie und Interpretation Nehrus im journalistischen Stil geschrieben und diese mit durchaus bewundernden Z?gen versehen, ohne jedoch die Schw?chen und Fehler Nehrus gerade gegen Ende seiner ?berlangen Regierungszeit nicht au?er acht zu lassen. Der kritische Blick auf seinen Landsmann bleibt dem Autor erhalten.

Vom Oxford-Absolventen zum Revolution?r

Jawaharlal Nehrus Lebensweg und pers?nlicher Wandel vom privilegierten Anwaltssohn der indischen Oberschicht ?ber die Schul- und Studienzeit in Harrow und Oxford zum ?berzeugten Vork?mpfer f?r die Demokratie, der vor zivilem Ungehorsam und langer Gef?ngnishaft nicht zur?ckscheute, wird eindringlich mit interessanten Selbstzeugnissen Nehrus in Briefen und Redeausschnitten deutlich und nachvollziehbar vom Autor geschildert. Fast beklemmend beschreibt Tharoor den eigentlichen Wendepunkt f?r die Beziehung zum Kolonialherren: friedlich demonstrierende Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, wurden 1919 im nordindischen Amritsar von englischen Soldaten gezielt erschossen ? eine Trag?die, die f?r Vater und Sohn Nehru den Glauben an die Reformierbarkeit einer indischen Gesellschaft unter der englischen F?hrung schwinden lie?.

Tharoor beschreibt, wie sich Jawaharlal Nehru innerlich und ?u?erlich auf seine indische Herkunft besann ? statt englischen Ma?anz?gen trug er nun handgewebte indische "Khadi"-Stoffe und wurde schnell zu einem wichtigen Protagonisten der oppositionellen Kongre?-Partei. Kennzeichnend f?r Nehru waren, so Tharoor, seine zwischen Pragmatismus und Idealismus bzw. der leidenschaftlichen Hingabe f?r die indische Unabh?ngigkeit angesiedelten Charakterz?ge, die f?r eine politische Karriere vorteilhaft waren.

Zwei pr?gende Vaterfiguren

Shashi Tharoor legt einen besonderen Schwerpunkt auf die Einfl?sse des Vaters Motilal Nehru und Mahatma Gandhi auf die politische und pers?nliche Entwicklung Jawaharlal Nehrus. Geleitet durch das moralische Gewissen und das Charisma des geistigen F?hrers, der "gro?en Seele" Mahatma Gandhi, wurde Jawaharlal Nehru erst zu dem Freiheitsk?mpfer, als den ihn die zeitgeschichtliche Forschung heute kennt und analysiert. Wesentliche Prinzipien des Strebens nach Unabh?ngigkeit und Demokratie waren das Prinzip des zivilen Ungehorsams und des gewaltlosen und friedlichen Widerstandes gegen die harten Fesseln der benachteiligenden Kolonialgesetze der Briten ("Satyagraha") sowie das Vertrauen bzw. die Beschr?nkung auf Produkte aus einheimischer indischer Produktion (Kleidung usw.).

Der ehemalige Rechtsanwalt Gandhi zeigte Jawaharlal Nehru erst, wie wichtig eine demokratische Opposition war, die sich auf das ganze indische Volk berufen konnte, und nicht nur auf eine kleine intellektuelle Minderheit der indischen B?rgerschicht. Tharoor verschweigt aber auch nicht die Meinungsunterschiede zwischen Gandhi und Nehru, die nun einmal aus ihren unterschiedlichen Rollen als spiritueller F?hrer und pragmatischer Oppositionspolitiker hervorr?hrten. Der Vater Motilal Nehru beeinflu?te den Sohn in seiner Denkweise ? rationalistische, undogmatische und s?kulare Prinzipien fanden Eingang in Jawaharlal Nehrus Weltanschauung.

Spalte und herrsche!

Tharoor beschreibt, wie zynisch auch die britische Kolonialregierung in den Jahren vor und im Zweiten Weltkrieg die immer st?rker werdende Kongre?-Partei gegen andere Bewegungen mit ?hnlichen Zielen unter dem Motto "Spalte und herrsche" auszuspielen versuchte. Gezielt wurde die moslemische Partei der "Muslim-Liga" protegiert, die f?r einen unabh?ngigen Moslemstaat eintrat. F?hrende Kongre?politiker wurden inhaftiert, um die immer st?rker werdende Unabh?ngigkeitsbewegung zu destabilisieren und die koloniale Macht zu bewahren ? ohne Erfolg. 1947 wurde der Traum von der Unabh?ngigkeit f?r Indien wahr: allerdings war die Abspaltung des muslimischen Pakistans nun politische Realit?t, die auch Nehru nicht verhindern konnte und akzeptieren mu?te.

"... die Seele einer Nation, die lange unterdr?ckt war, entfaltet sich."

Der Autor nimmt bei der Beschreibung der Regierungsphase Nehrus keine R?cksicht auf den Nimbus des ersten Premierministers. Schritt f?r Schritt beurteilt Tharoor die wesentlichen innen- und au?enpolitischen Schwerpunkte, Erfolge und Niederlagen der siebzehnj?hrigen Amtszeit Nehrus. Dessen Wirtschaftspolitik beruhte auf einem sozialistischen Modell mit dirigistischer staatlicher Lenkung, was sich, wie der Autor aufzeigt, eher nachteilig auf die indische Volkswirtschaft auswirken sollte, und B?rokratisierung, Vetternwirtschaft und Korruption nach sich zog.

Nehrus Biograph zieht das n?chterne Fazit, da? der indische Wirtschaftssozialismus mit starker F?rderung von Forschung und Wissenschaft letztendlich das starke Gef?lle zwischen arm und reich nicht wesentlich ausgleichen konnte. Allerdings schuf Nehru damit auch die Voraussetzung f?r die heutige Bl?te der indischen Technik- und Software-Industrie. Vorbild- und beispielhafter war da schon das s?kular und westlich orientierte Demokratiemodell des Premierministers, da? die religi?sen Standesgrenzen aufhob, den im Land verbliebenen Moslems eine indische Identit?t verlieh und dem multikulturellen Staat bis heute innere Stabilit?t verleiht .

Der Name Nehru stand auch f?r den Begriff der blockfreien Politik, die eine neutrale Haltung zwischen den westlichen M?chten und dem Ostblock im "Kalten Krieg" einnahm. Nehru war unbestritten einer der wichtigsten F?hrer der neu entstandenen "Dritten Welt" und auch ihr Sprachrohr; als deren Repr?sentant wurde er sowohl von den westlichen Demokratien als auch von dem kommunistischen Widerpart gleicherma?en ernstgenommen und als Vehandlungspartner respektiert. Tharoor verschweigt auch nicht den interessanten Aspekt, da? Nehru ungewollt zum Begr?nder einer politischen Dynastie wurde, aus der bis jetzt drei indische Premierminister hervorgingen: Nehru selbst, Tochter Indira Gandhi und Enkel Rajiv Gandhi. Bis heute pr?gen ?brigens die Mitglieder der Nehru-Gandhi-Familie die politischen Leitlinien der Kongre?-Partei.

"Idealismus ist der Realismus von morgen."

Shashi Tharoor gelingt es, den ?berlebens- und Unabh?ngigkeitskampf Indiens und des wichtigsten Repr?sentanten und Zeitzeugen lebendig, bildhaft und auch weniger historisch vorgebildeten Personen verst?ndlich zu schildern, ohne sich in unwichtigen Einzelheiten zu verlieren. Er zeigt Nehru in all seinen Facetten, auch die eines ?berzeugten indischen Patrioten und Idealisten. Nationalismus und religi?ser Fanatismus waren Nehru fremd und spielten in seiner Amtszeit keine Rolle. Dar?ber hinaus waren Rationalismus und Humanismus, so Tharoor, wichtige Eckpfeiler im Denken Nehrus, dessen Leitmotiv "Idealismus ist der Realismus von morgen" war. Den biographischen Teil erg?nzt eine klug durchdachte Analyse, wie und ob Nehrus Prinzipien und politische Ziele vierzig Jahre nach seinem Tod im heutigen Indien noch Bestand haben.

Die vorliegende Biographie ist nicht nur eine aufschlu?reiche Studie ?ber die historische Entwicklung der gr??ten Demokratie der Welt, sondern ebenso eine gelungene Lebensbeschreibung eines der wichtigsten Staatsm?nner des letzten Jahrhunderts.

Hagen Stoll
03.06.2006

 
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Das Buch:

Shashi Tharoor: Die Erfindung Indiens. Das Leben des Pandit Nehru

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Frankfurt/M.: Insel Verlag 2006
285 S., 19,80
ISBN: 3-458-17303-X

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