Biographie

Ein Schweizer Rebell - Biografie über Jean Ziegler

Er geißelt den "Raubtierkapitalismus" und kämpft gegen den Hunger in Afrika. Eine neue Biografie gibt Einblick in die Motive des umstrittenen Schweizer Soziologen Jean Ziegler.

Erst in diesem Sommer hatte Jean Ziegler wieder für einen Eklat gesorgt. Der streitbare Schweizer Soziologe, als Eröffnungsredner zu den Salzburger Festspielen ein- und dann wieder ausgeladen, stellte seine nicht gehaltene Rede auf Youtube und machte die "Schönen und Reichen" dieser Welt in drastischen Worten für hunderttausendfachen Hungertod in Afrika verantwortlich. In einer lesenswerten Biografie zeichnet der Schweizer Journalist und Autor Jürg Wegelin das "Leben eines Rebellen" - so der Buchtitel - nach.

Ziegler, so schreibt Wegelin, sei neben Tennisspieler Roger Federer gegenwärtig wohl der bekannteste Schweizer der Welt. Zugleich polarisiere niemand so sehr die öffentliche Meinung in der Eidgenossenschaft wie der oft als Nestbeschmutzer und sogar Landesverräter beschimpfte 77-jährige Kapitalismuskritiker. Wie kam Ziegler, der aus einer bürgerlichen Familie im beschaulichen Thun stammt, zu dieser Rolle?

Es begann, als Ziegler 1956 nach Paris ging, um Soziologie zu studieren. Die sozialen Probleme der Großstadt beginnen ihn zu beschäftigen. Ausgedehnte Reisen weiten seinen Blick. Er lernt Sartre kennen und Simone de Beauvoir, die in einem Manuskript des jungen Journalisten aus "Hans" kurzerhand ein "Jean" macht - fortan nennt sich Ziegler so. Er begegnet dem kubanischen Revolutionär Che Guevara, der ihn tief beeindruckt. Ein längerer Aufenthalt im Kongo, wo er den brutalen Bürgerkrieg erlebt, wird schließlich, so Wegelin, "zu einer Art Initiationserlebnis" - Ziegler entdeckt seine Passion für Afrika.

Die ungerechte kapitalistische Weltordnung setzt er immer stärker auch in Beziehung zu den Verhältnissen in der Schweiz. "Ziegler gelangte zu der Überzeugung, dass die Schweiz für die Misere der armen Länder nicht nur mitverantwortlich sei, sondern bei der wirtschaftlichen Ausbeutung des Südens sogar eine zentrale Rolle spiele", schreibt der Biograf. Das Buch "Eine Schweiz - über jeden Verdacht erhaben" (1976), ein, so Wegelin, "Rundumschlag gegen das Schweizer Bürgertum und das Wirtschaftsestablishment", führt zum Skandal und bringt ihm das Image des Nestbeschmutzers ein. 1990 legt er mit "La Suisse lave plus blanc" ("Die Schweiz wäscht weißer") nach und beschreibt den Züricher Finanzplatz als riesige Geldwäsche-Anlage für Mafia- und Drogengelder.

Anfeindungen und Prozesse folgen. Doch Ziegler lässt sich in seiner Kapitalismuskritik nicht beirren, bringt sie in immer neuen Publikationen vor, die "Wie kommt der Hunger in die Welt" (2000) oder "Der Hass auf den Westen" (2009) heißen und oft Bestseller werden. Ziegler sei ohnehin überzeugt, dass seine wirksamste Waffe nicht offizielle Mandate - so war er Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung oder jahrzehntelang Abgeordneter im Schweizer Parlament - seien, sondern seine Bücher, schreibt Wegelin.

Der Autor spart auch die widersprüchlichen Seiten an Zieglers Charakter nicht aus - dass dieser sich nicht immer genau an die Fakten halte, dass er dramatisiere und über das Ziel hinausschieße, dass er in seinen Erinnerungen schon mal ungenau sei. Die ausführlichen Schilderungen der politischen und gesellschaftlichen Vorgänge in der Schweiz mögen für einen deutschen Leser manchmal etwas zu sehr ins Detail gehen. Insgesamt aber gibt Wegelin einen interessanten Einblick in die Motive eines Mannes, der sich dem Kampf für eine gerechtere Weltordnung verschrieben hat und dessen Zorn auf das "Weltsystem des Raubtierkapitalismus", wie er zitiert wird, ihn bis heute nicht ruhen lässt.

Stephan Maurer, dpa
18.06.2012

 
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Das Buch:

Jürg Wegelin:
Jean Ziegler. Das Leben eines Rebellen

Bild: Buchcover Jürg Wegelin, Jean Ziegler. Das Leben eines Rebellen

München: Verlag Nagel & Kimche 2011
192 S., € 17,90
ISBN: 978-3-312-00485-0

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