Biographie

Tapfere , trotzige Tolstaja

Aufrechnen, wer wen mehr geliebt hat? Wer wem mehr Schmerz zufügte? Wer wem mehr Szenen machte? Nicht zu überlesen ist, wie bravourös das Paar sich beleidigte, wie leidenschaftlich es sich seiner Liebe versicherte: Sofia Tolstaja und Lew Tolstoi. Fast fünf Jahrzehnte waren die 16 Jahre Jüngere und der Mann von Jasnaja Poljana verheiratet. 16 Schwangerschaften mußte Sonja – so von Lew genannt – er- und überleben. Was der Gattin mit dem Genie widerfuhr war körperliche, geistige, seelische Begattung ohne Respekt. Die Tolstois predigten gern die Toleranz und konnten sie doch nicht gut genug in ihrer Beziehung praktizieren. Ohne Neigung zum Drama, waren sie doch dramatische Naturen, was ihre Lebens-, Familien-, Arbeitsbeziehung fortwährend dramatisierte.

Sofia Andrejewa/Sonja Tolstaja, geborene Behrs, handelte, wie sie handeln mußte, das heißt ihren ausgeprägten Eigenschaften und Talenten gemäß. Vorausschauend äußerte sie: "So wird man wohl auch aus mir einmal eine Xanthippe machen." Tolstaja war nicht auf den guten Ruf aus, eine gute Dichtersgattin zu sein. Sie war darauf aus, sie selbst zu sein. Nach zwei Jahrzehnten des Ehelebens schrieb sie: "Jung und von starken Charakter belastete mich bisweilen meine geistige Abhängigkeit von meinem Mann, und ich versuchte, mich von diesem erdrückenden Einfluß zu befreien und geistig unabhängig zu werden.... – seine übergroße Leidenschaft und Manneskraft – erdrückten mich physisch."

Damit nicht genug! Vergleichbares gibt es häufig in dem biographischen Buch "Sofia Andrejewna Tolstaja", geschrieben von dem in Berlin arbeiteten Fachfrauen Ursula Keller und Natalja Sharandak. Das Buch ist kein Buch der Rechtfertigungen und Entschuldigungen oder gar des Verzeihens. Es wird auch keine Xanthippe verteidigt. Gegen nichts. Gegen niemand. Der Tolstaja soll Gerechtigkeit widerfahren, die ihr bereits zu Lebzeiten – wie vorausgesehen – meist versagt wurde. Alle Gerechtigkeit nahm der erklärte, verklärte Weise von Jasnaja Poljana für sich in Anspruch.

Die Verfasserinnen neigen der Tolstaja nicht nur zu. Ihre Sympathie gilt unverhohlen der vielseitigen Frau, die auch Schriftstellerin war. Tolstaja ist eine Vorgängerin der Katia Mann. Eine Frau also, die ihre eigenen Begabungen stutzte, um für eine größere da zu sein. Um die Bedingungen für das bedeutendere Talent zu schaffen und dauerhaft zu sichern. Das war im Fall des Lew Tolstoi um einiges komplizierter als im Fall Thomas Mann. Alles, was sie als schwer und scheußlich empfanden, teilten sich die Tolstois per Tagebuch mit, die Einer dem Anderen zum Lesen überließ. Aus dem Fundus schöpft seither die Menschheit. Unerschöpflich, scheints fast, aus dem des Lew Tolstoi. 90 Jahre nach dem Tode von Sofia Andrejewna Tolstaja sind ihre umfänglichen und vollendeten Memoiren – "Mein Leben" – nicht umfassend publiziert. Der Makel der Xanthippe ist nicht getilgt. Und wird nicht ausgelöscht durch das Buch von Keller und Sharandak. Die Verfasserinnen sind keine Weißwäscherinnen. Und sie sind auch keine Propagandisten, die ein plakatives Porträt hinstellen wollten.

Alles, was das Zusammensein des Paares ausmachte, in der Zuwendung, im Zwist und Zweifel, bestimmt die Collage der Texte, für die die Tolstoi-Sippe das Material lieferte. Die Autorinnen halten sich als Analytikerin im Hintergrund, so sie können. Sie sind zuerst Dokumentaristinnen der dokumentierenden Selbstzeugnisse.

Die Selbstzeugnisse sind das Wichtigste und Wirkungsvollste und durch nichts zu übertreffen. Das heißt nun nicht, daß die Verfasserinnen völlig verzichteten, auf Überliefertes zu reagieren. Immer wieder bewerten sie, was durch die Äußerungen von Sonja und Lew hinreichend bewertet ist. Was so stehen bleiben könnte. Was die Leser für sich reflektieren sollten. Was also damit anfangen, wenn man Jahrzehnte der Ehe-Tragödie der Tolstois intus hat und geschrieben steht: "Für einen Augenblick scheint die unumwölkte Vergangenheit zurückgekehrt?" Der Satz ist auch ein Beispiel dafür, auf welchen schon zugewachsenen Wegen der Sprache Keller und Sharandak spazieren. Wie Sofia Andrejewna Tolstaja durch die "umwölkten" Tage ging, kann durchaus tapfer genannt werden. Von Emanzipation reden? Nur das nicht! Der wortverliebte Frauenverächter Lew Tolstoi hätte die Vokabel verdammt. Das Buch kann auch mit dem Gefühl geschlossen werden, daß sich die Tolstois, wie Millionen, mühten, daß Gute gut zu machen und es nicht konnten. Dennoch ist ihre Lebensgeschichte nicht die von Frau Garstig und Herrn Grobian.

Bernd Heimberger
16.03.2009

 
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Das Buch:

Ursula Keller, Natalja Scharandak: Sofia Andrejewna Tolstaja. Ein Leben an der Seite Tolstojs

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Frankfurt am Main, Leipzig: Insel Verlag 2009
364 S., 24,80
ISBN: 978-3-458-17408-0

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