Biographie

Ein Traumhüter

Gerhard Tremmel war ein grundsolider Fußballtorhüter, der in den Nuller- und Zehnerjahren dieses Jahrhunderts in verschiedenen Vereinen der Ersten und Zweiten Bundesliga seinen Dienst verrichtete. Dabei war Tremmel niemand, der mit Paraden verzückte oder mit fußballerischen Fähigkeiten so glänzte, dass man ihm eine große Karriere in Aussicht stellen mochte. Abstiegskampf war sein Metier beziehungsweise das seiner Vereine, die sich meist im unteren Tabellendrittel wiederfanden und deren Mission der Existenzkampf war. Dass "Gerry" Tremmel im Spätherbst seiner Karriere dann doch noch einen Titel feiern durfte, hätten ihm wohl nur die wenigsten prognostiziert. Dass er diesen Titel dann auch noch im Mutterland des Fußballs feiern durfte, kommt beinahe einer märchenhaften Geschichte gleich.

Der junge Gerhard Tremmel wuchs in den Achtzigerjahren in München auf, emotional gebeutelt durch die Trennung seiner Eltern war es der Fußball, der ihm Halt und Zuversicht gab. Bei der Vielfalt auf Vereinsebene in der bayrischen Landeshauptstadt schaute er auch schon mal als Jugendlicher bei den größeren Klubs vorbei, doch entwickelte er sich dort am besten, wo er sich wohlfühlte. Auch der Umstand, dass zu dieser Zeit die SpVgg Unterhaching Stammgast in der zweiten Liga war und später auch noch zwei Jahre erstklassig spielten sollte, ließ den Münchener Vorstadtverein zu Tremmels erster Wahl werden. Sein Bundesliga-Debüt feierte er im April 2000, er stand darüber hinaus bei den dramatischen letzten Spieltagen in den Saisons 1999/2000 und 2000/2001 in entscheidenden Spielen auf dem Platz und erlebte dabei hautnah deutsche Fußballgeschichte.

Nach dem Abstieg mit Unterhaching tingelte Tremmel über die Stationen Hannover 96 und Hertha BSC Berlin unbefriedigt durch fußballerisches Niemandsland, bis es ihn nach Cottbus verschlug. Einen Namen machte sich Tremmel allerdings genau dort, wo er eigentlich nie spielen wollte, nämlich in der Lausitz. Nach vier Jahren Cottbus war Tremmels Zukunft jenseits der Dreißig alles andere rosig, doch dann setzte das Leben seiner fußballerischen Karriere die Krone auf. Mit ganz viel Selbstinitiative gelangte Tremmel schließlich auf die Insel, zum walisischen Premier League Klub von Swansea City. Als Pokal-Torhüter durfte er dort nach einer nicht für möglich gehaltenen Siegesserie gegen zahlreiche englische Top-Klubs in der Saison 2012/13 schließlich den League Cup in die Höhe stemmen.

Die hier beschriebene Geschichte eines Arbeiters zwischen den Pfosten hat Marc Bädorf in seinem kürzlich erschienenen Buch " Per Bewerbungsschreiben in die Premier League" zum Besten gegeben. Der Autor selbst dürfte sich nur schwerlich an die Anfänge von Tremmels Fußballkarriere erinnern, schließlich wurde er gerade eingeschult, als Tremmel für Unterhaching bereits professionell Bällen hinterher hechtete. Den literarisch interessierten Fußballfreund erinnert Bädorfs Darstellung von Tremmels Werdegang natürlich sogleich an Lars Leese, den "Traumhüter" aus der preisgekrönten Biografie von Ronald Reng. Doch waren Tremmels Ausschläge, sowohl in positiver wie auch in negativer Richtung, deutlich dosierter als bei besagtem Amateurtorwart, der sich in den späten Neunzigerjahren für ein paar Spiele urplötzlich im Tor eines Premier-League-Vereins wiederfand, nur um kurz danach wieder in der Versenkung des Amateursports zu verschwinden.

Die interessanten Einblicke liefern beim vorliegenden Buch vor allem die Beschreibungen der täglichen Bemühungen von Tremmel, es dem Trainer mit Leistung und Einsatz im Training klarzumachen, dass er die Nummer Eins ist und am kommenden Wochenende im Tor stehen muss. Deutlich wird auch die Unmenschlichkeit des Transfermarkts, wenn sich Opportunitäten ergeben oder Türen schließen, so dass man als Sportler immer flexibel und offen bleiben muss, um seinen Weg zu gehen. Schließlich standen Tremmels fußballerische Erfüllungsorte Energie Cottbus und Swansea City garantiert nicht auf dem Wunschzettel seines jungen Ichs. Marc Bädorfs Buch über einen Fußballtorhüter aus der Mitte derjenigen, die es in den Profifußball geschafft haben, ist aufgrund ihrer bodenständigen Schilderung und der dahinter steckenden harten Arbeit sicherlich beeindruckender als viele Biografien großer Fußballer mit streng monoton steigenden Karriereverläufen, denen Titel um Titel in den Schoß fielen.

Christoph Mahnel 
28.09.2026

 

Das Buch:

Marc Bädorf: Per Bewerbungsschreiben in die Premier League

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Bielefeld: Verlag Die Werkstatt 2026 224 S., € 24,90 ISBN: 978-3-7307-0800-2

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