Biographie
Die schwere Last des braunen Großvaters
Als die größten Übeltäter des Zweiten Weltkriegs im November 1945 auf der Anklagebank in Nürnberg Platz nahmen, hatte er sich dem anstehenden Prozess schon entzogen. Ähnlich wie Hermann Göring ziemlich genau ein Jahr später entging Robert Ley dem Tod durch den Strang mittels Suizid. Während Göring auf Giftkapseln zurückgriff, strangulierte Ley sich mit Hilfe zerrissener Unterwäschefetzen an einem Abflussrohr. Diesem Ende waren rund zwanzig Jahre Willkür und Hetze im Leben von Robert Ley vorangegangen. Nach seinem Eintritt in die NSDAP im Jahre 1923 war Ley bereits in der Frühzeit von Hitlers Partei in wichtigen Positionen im Einsatz. Stets buhlte Ley um die Gunst seines Führers. Dies führte ihn letztlich als Leiter der Deutschen Arbeitsfront an die Spitze einer zeitweise bis zu 25 Millionen Menschen umfassenden Organisation. In dieser Rolle hatte er für die großflächige Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie gesorgt und ein totalitäres Kontrollinstrument geschaffen.
Der Tod von NS-Größen bedeutete zwar das Ende einzelner Individuen, doch verblieben in der Regel stets Hinterbliebene und Nachkommen, die sich ihrem Schicksal nicht entziehen konnten und ihr Leben beladen mit der Schuld des Vorfahren meistern mussten. Im Falle von Robert Ley waren aus zwei Ehen und der Liebelei mit einer minderjährigen Tänzerin insgesamt fünf Kinder mit diesem Rucksack in die Nachkriegszeit entlassen worden. Leys Tochter aus erster Ehe war da bereits in ihren Zwanzigern, doch die anderen vier dem Kindesalter bei weitem noch nicht entwachsen. Sich dem Ballast des belasteten Namens zu stellen, verweigerten sich die meisten aus gutem Grund und verließen Deutschland oder versuchten zumindest unter anderem Namen ihren eigenen Weg zu finden.
Axel Spilcker ist der Sohn von Wolf Ley, dem ältesten Sohn Robert Leys, und damit als Enkel eines Hauptkriegsverbrechers gebrandmarkt. Spilcker arbeitet seit vielen Jahren erfolgreich als Journalist, unter anderem beim "Focus", und hat auch als Autor bereits einige Bücher veröffentlicht. Nun hat er mit "Hitlers Gefolgsmann Robert Ley - mein Großvater, der Kriegsverbrecher" sein persönlichstes Werk vorgelegt. Darin hat Spilcker die Geschichte seiner Familie dokumentiert und er erzählt dabei vor allem davon, wie mehrere Generationen mit der enormen Last umgegangen sind. Dazu hat er auch den Weg über den großen Teich angetreten, um dort den jüngsten Sohn Robert Leys, seinen Halbonkel Martin, der als anerkannter Wissenschaftler in den USA Karriere gemacht hat, zu treffen.
Völlig unterschiedliche Wege haben die einzelnen Kinder Leys und ihre Familien für den Umgang mit der Vergangenheit ihres Vorfahren genommen. Leys älteste Tochter beispielsweise hat trotz ihrer öffentlichen Präsenz als Professorin für Soziologie an einer deutschen Universität nie einen Hehl über ihre lebenslange Sympathie für ihren Vater gemacht. Dagegen haben Spilckers Vater und eine seiner beiden Schwestern nie die Füße auf den Boden bekommen und sind auf ihrem Lebensweg gescheitert. Interessante Einblicke konnte der Autor auch aus den Memoiren von Leys letzter Geliebten erhalten, deren Hingabe zu dem Mann, mit dem sie die beiden letzten Kriegsjahre verbrachte und der gut und gerne ihr Vater hätte sein können, ihr ganzes Leben bis zum Tod überdauerte.
Das vorliegende Buch ist ein sehr lesenswertes Stück deutscher Zeitgeschichte, da Axel Spilcker neben den persönlichen Akzenten seinen Fokus im Buch auch auf den Aufstieg und Niedergang seines Großvaters im Kontext der Geschichte des Dritten Reichs richtet. Der Autor reiht sich damit nahtlos ein in bereits publizierte Vergangenheitsbewältigungen, wie beispielsweise von Bettina Göring, der Großnichte von Hermann Göring, oder von Niklas Frank, dessen Abrechnung mit seinem Vater Hans Frank vor knapp vierzig Jahren Aufsehen erregte. Insofern ist Axel Spilckers "Hitlers Gefolgsmann Robert Ley" ein wichtiges Buch zu allen Zeiten, um die Wirkung dessen, was nie wieder passieren darf, eindrücklich vor Augen geführt zu bekommen. Dies ist dem Autor mit Bravour gelungen.
Christoph Mahnel
11.05.2026
