Biographie

"Hauptsache Italien"

Kaum ein Fußballer-Bonmot wird auch heute noch über den Kontext des runden Leders hinaus zitiert wie die geographische Fehleinschätzung: "Mailand oder Madrid - Hauptsache Italien". Zugeschrieben wird diese Aussage Andy Möller, der vor seinem Wechsel anno 1992 zu Juventus Turin zum Ausdruck bringen wollte, dass Italien seinerzeit das Sehnsuchtsland für die besten Fußballer der Welt war. Dabei ist nicht einmal 100%-ig geklärt, dass Möller diesen Satz so in einem Guss von sich gegeben hat. Abgesehen davon wird es dem Fußballer Andreas Möller nicht gerecht, wenn man sich seiner nur deswegen erinnern sollte. Schließlich gehört der gebürtige Frankfurter, was die heimische Trophäensammlung betrifft, zu den erfolgreichsten Fußballern Deutschlands.

Im Jahre 1967 geboren erlernte Andy Möller das Kicken im Frankfurter Norden bei BSC SW 1919 Frankfurt. Bereits dort traf er auf seinen langjährigen Förderer Klaus Gerster, der ihn schließlich zu Eintracht Frankfurt brachte und ihn dort als Trainer zur Deutschen A-Jugendmeisterschaft führte. Als 18-jähriger debütierte er im Waldstadion in der Bundesliga, zwei Jahre später dann bereits in der Nationalmannschaft. In seiner wechselreichen Vereinskarriere stand er jeweils zweimal bei Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund auf dem Gehaltszettel, darüber hinaus bei Schalke 04, dem Erzrivalen von Letzteren, und Juventus Turin, wo er zwei Jahre lang in der damals besten Liga der Welt glänzte. In der Nationalmannschaft brachte er es auf stattliche 85 Länderspieleinsätze, wobei er mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft 1990 und der Europameisterschaft 1996 zu einem kleinen und elitären Kreis von deutschen Fußballern gehört, die diese beiden wichtigsten Titel gewinnen konnten.

Nach seinem Karriereende vor über zwanzig Jahren war es abgesehen von zwei kleinen Trainerstationen recht ruhig geworden um diesen großen Kicker, der auf Vereinsebene die Champions League, den UEFA-Pokal, den Weltpokal, die Deutsche Meisterschaft und den DFB-Pokal einheimsen konnte. Eine überfällige und mehr als verdiente Würdigung erfährt Andy Möller nun durch Dieter Sattlers Biografie, die sich mit dem Titel "15 Sekunden Wembley" auf eine legendäre Sternstunde Möllers bezieht. Am 26. Juni 1996 führte er nämlich als Kapitän die deutsche Nationalmannschaft im Londoner Wembleystadion beim EM-Halbfinale gegen die Gastgeber aufs Feld. Eine epische Schlacht über 120 Minuten fand an diesem Tag Eingang in die Geschichtsbücher, wobei der letzte Klimax im Elfmeterschießen Andy Möller höchstpersönlich vorbehalten blieb. Nachdem die ersten zehn Schützen ihren Aufgaben vom Punkt sehr zuverlässig nachgekommen waren, scheiterte mit dem Engländer Gareth Southgate der elfte Schütze kläglich. Somit war es an Andy Möller, mit einem der wichtigsten Elfmeter der deutschen Fußballgeschichte den Einzug ins EM-Finale klarzumachen.

Der Autor zelebriert diese 15 Sekunden zwischen dem Hinlegen des Balles auf den Elfmeterpunkt und dem Zappeln des Balles im Netz im ersten Kapitel des vorliegenden Buchs. Anschließend beschreitet Dieter Sattler streng chronologisch die Vita Andy Möllers vom Frankfurter Nordend aus über die besagten Stationen in Frankfurt, dem Ruhrgebiet und in Italien. Um diese Erzählung möglichst spannend zu gestalten, verwendet Sattler die Ich-Form und lässt damit in seinen Worten Andy Möller direkt zum Leser sprechen. Dieser Ansatz erweist sich als gelungen, denn die 240 Seiten lesen sich nahezu in einem Rutsch. Dabei durchlebt man die goldenen Jahre des deutschen Fußballs mit dem WM-Titel in Italien und dem EM-Sieg im Mutterland des Fußballs noch einmal aus allererster Hand. Auch der Umstand, dass Andy Möller bei so vielen Vereinen nicht nur zum Leistungsträger, sondern auch zum Publikumsliebling avancierte, zeigt, welch außerordentlicher Fußballer und Mensch Möller war.

Das im Werkstatt Verlag erschienene Buch besticht darüber hinaus auch durch wunderbare Bilder, die Andy Möllers gesamte fußballerische Karriere treffend illustrieren. Sehr selbstkritisch geht Möller mit Tiefschlägen um, wie seiner Schwalbe anno 1995 gegen den Karlsruher SC, mit der er höchst dreist einen Elfmeter schindete und damit für seine Borussia eine erfolgreiche Aufholjagd einleitete. Auch lässt er den Leser teilhaben an den Selbstzweifeln, die einen Fußballer quälen, wenn man nicht in jedem Spiel das Vertrauen geschenkt bekommt und von Anfang auf dem Platz stehen darf. Möller durchlitt diese Phasen immer wieder mal in seiner Karriere, konnte sich dabei aber stets mit harter Arbeit seinen Weg zurück ins Rampenlicht bahnen. "Andy Möller - 15 Sekunden Wembley" ist eine leicht zu lesende und sehr informative Biografie über einen der erfolgreichsten deutschen Fußballer, der vielleicht nicht immer im allerobersten Regal gewähnt wurde, aber alles gewann, was es zu gewinnen gab.

Christoph Mahnel 
03.11.2025

 

Das Buch:

Dieter Sattler: Andy Möller - 15 Sekunden Wembley

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Bielefeld: Verlag Die Werkstatt 2025 240 Seiten, 26,90 Euro ISBN: 978-3-7307-0716-6

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