Biographie

Weltschiedsrichter

Felix Brych ist seit vielen Jahren der deutsche Vorzeigeschiedsrichter auf der Bühne des nationalen und internationalen Fußballs. Seit fast zwanzig Jahren pfeift der promovierte Jurist Bundesligaspiele, in der europäischen Königsklasse, der Champions League, hält er sogar den Rekord für die meisten Spiele als Schiedsrichter. Auf allen internationalen Großveranstaltungen war er vertreten, bei Weltmeisterschaften, Europameisterschaften oder Olympischen Spielen teilweise sogar mehrfach im Einsatz. Persönlicher Höhepunkt für den Münchener war das Champions-League-Finale im Jahre 2017, eine Nominierung für dieses wichtigste Spiel im jährlichen Terminkalender kommt einem Ritterschlag für die Männer in Schwarz gleich. Dass es nur zwei DFB-Pokalfinals für Brych wurden, liegt vor allem daran, dass er als Münchener keine Spiele des FC Bayern pfeifen darf, die sich in diesem Jahrhundert nun einmal für ziemlich viele Austragungen im Berliner Olympiastadion qualifiziert hatten.

Doch allmählich rückt die Altersgrenze für Brych bedrohlich näher und damit kommt auch sein erzwungenes Karriereende in Reichweite. Seine internationalen Aktivitäten hat er bereits eingestellt, in der Bundesliga scheint die kommende Saison seine Abschiedstour zu werden. Der zweimalige Weltschiedsrichter und mehrfach als bester deutscher Schiedsrichter des Jahres ausgezeichnete Brych blickt auf eine wahrhaft imposante Karriere zurück. In deren Spätherbst hat sich Brych nun dazu entschieden, Einblick in seine Schiedsrichterei zu gewähren. Zusammen mit dem Sportjournalisten Sven Haist hat er sein Schiedsrichterleben in dem beim Econ Verlag erschienenen Buch "Aus kurzer Distanz" Revue passieren lassen. Dabei handelt es sich um einen Mix aus Biografie und Brychs Prinzipien seines Handelns als Fußballschiedsrichter. Diese liefern wunderbare Einblicke in das Leben eines Berufszweigs, das dem eines Profifußballers in vielerlei Hinsicht in nichts nachsteht.

Es ist im vorliegenden Buch auf jeder Seite zu spüren, welch unglaublicher Druck auf Schiedsrichtern im modernen Profifußball lastet. Dementsprechend ist die Vorbereitung eines Schiedsrichters hochprofessionell. Zeiten, in denen Bundesligaschiedsrichter vor Anpfiff oder während der Halbzeitpause die Nervosität mit ihrem Flachmann bekämpften, sind lange passé. Brych führt garniert mit vielen Beispielen auf, wie er mit den Anforderungen an ihn am besten umgeht. Seine Spielvorbereitung auf die Mannschaften und Spieler ist akribisch, mental bereitet er sich auf Extremsituation vor, um im Spiel auf diese Abläufe zurückgreifen zu können. Brych hat klare Konzepte bezüglich seiner Außendarstellung und seines Kommunikationsverhaltens im Spiel sowie gegenüber den Medien und der Öffentlichkeit. Er verwendet sehr viel Empathie und auch einige Kniffe, um während der 90 Minuten die Partie im Griff zu behalten. Ein Schlüssel ist für ihn die gesunde Balance zwischen Distanz und Nähe zu Spielern und Trainern.

Brychs Weltschiedsrichterkarriere hätte bereits früh ein jähes Ende finden können, nämlich als er anno 2013 bei der Bundesligapartie zwischen Hoffenheim und Leverkusen ein Phantom-Tor des Leverkusener Angreifers Stefan Kießling gelten ließ. Der Ball hatte seinen Weg ins Tor nicht durch Überschreiten der Torlinie gefunden, sondern durch ein Loch im Außennetz des Hoffenheimer Tores. Doch auch hier hatte Brych kurz nach Spielende eine exzellente Vorgehensweise und Kommunikationsoffensive gewählt, die ihm letztlich sogar positiv ausgelegt wurde. "Aus kurzer Distanz" illustriert sehr gut, dass Fingerspitzengefühl unabdingbar ist für eine ambitionierte Karriere mit der Pfeife. Die Fähigkeit, Emotionen auf dem Platz unter allerhöchster Anspannung, bisweilen in Sekundenbruchteilen managen zu können, scheint man daher sowohl im Blut haben zu müssen als auch kontinuierlich weiterentwickeln zu wollen.

Heutzutage ist ein Schiedsrichter schon lange keine One-Man-Show mehr, sondern der Anführer eines ganzen Teams. So hat auch Felix Brych insbesondere zwei Männer an seiner Seite, auf die er sich immer verlassen können muss. Zusammen müssen sie an einem Strang ziehen, auch wenn sich letztlich der Mann auf dem Platz in der Verantwortung für alles befindet. Fußballschiedsrichter ist ein Vollzeitjob mit einem hochkomplexen Anforderungsprofil, das wird einem als Fußballfan klar, wenn man sich mit "Aus kurzer Distanz" auf eine hochinteressante und augenöffnende Reise durch das Leben eines Schiedsrichters einlässt. Womöglich wird man sich beim nächsten Stadionbesuch etwas dezenter geben und zurückhalten, bevor man den 23. Mann unflätig als "Schieber", gar "Schwarze Sau" beschimpft oder ihm mitteilt, dass man wisse, wo sein Auto steht.

Christoph Mahnel 
05.06.2023

 
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Das Buch:

Felix Brych, Sven Haist: Aus kurzer Distanz - Meine Erfolgsprinzipien als Weltschiedsrichter

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Berlin: Econ Verlag 2023 256 S., 24,99 ISBN: 978-3-430-21080-5

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