Biographie

Ein allzu schweres Leben

Als Mitte der Siebziger Jahre die deutsche Nationalmannschaft nach einem Nachfolger für Gerd Müller, den im Groll geschiedenen "Bomber der Nation", suchte, war Erwin Kostedde mittendrin in der Verlosung für das neu zu besetzende Sturmzentrum des amtierenden Weltmeisters. Der 1946 geborene Sohn eines amerikanischen GI's ließ bereits in jungen Jahren seine außerordentliche Begabung auf westfälischen Sportplätzen aufblitzen. Auch wenn er ob seiner Hautfarbe stets kritischer und argwöhnischer betrachtet wurde als seine Mannschaftskameraden, erhielt er nach gelungenen Aktionen und seinen zahlreichen Toren stets Applaus und Anerkennung. Doch auch dies konnte bei Erwin Kostedde nicht dauerhaft als Motor für ein professionelles Fußballerleben herhalten. Sehr unstet und bisweilen undiszipliniert verfolgte der Jungspund seinen Weg auf die große Fußballbühne, so dass er erst nach einem dreijährigen Intermezzo in Belgien die Bundesliga rockte, dann aber richtig: Als der "braune Bomber vom Bieberer Berg" hatte sich der mittlerweile bei Kickers Offenbach wirbelnde Kostedde in die Pole Position für die Nachfolge des großen Gerd Müller gebracht.

Doch ist die Geschichte des Erwin Kostedde leider durchzogen von vielen Tiefschlägen, gerade dann, wenn er eigentlich auf dem Gipfel angekommen zu sein schien. Seine drei Chancen im Nationaltrikot nutzte Kostedde, der in der Bundesliga namhafte Gegner am Fließband narrte und 1974 ein "Tor des Jahres" schoss, das wie eine brillante Kopie von Mario Götzes Finaltreffer von Rio erscheint, leider nicht. Zum einen war Kostedde zu einer Zeit, in der National- und Bundesligaspieler noch lange nicht mit Mental-Coaches arbeiteten, psychisch nicht bereit für die ganz großen Herausforderungen, zum anderen aber war auch die deutsche Gesellschaft noch weit davon entfernt, einen dunkelhäutigen Kicker mit dem Adler auf der Brust als Normalzustand zu betrachten. Rassismus begegnete Kostedde aller Orten, dem er anders als ein Jimmy Hartwig wenige Jahre später nicht mit Souveränität zu begegnen wusste. Zermürbt vom Schicksal seines Lebens glich Kosteddes Karriere einer Achterbahnfahrt durch viele Klubs der ersten und zweiten Bundesliga, während er seinem Handwerk bei den Stippvisiten in der belgischen und französischen Liga als zweimaliger Torschützenkönig deutlich entspannter und erfolgreicher nachging.

Mit "Erwin Kostedde - Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler" ist dieser Tage eine Biografie über einen der schillerndsten Kicker des deutschen Fußballs der Siebziger Jahre erschienen. Mehr als überfällig war die Aufarbeitung dieser tragischen Geschichte, die einen heutzutage trotz allgegenwärtiger Intoleranz von UEFA und rechten Gruppierungen ungläubig und kopfschüttelnd zurücklässt. Verantwortlich dafür zeichnete Alexander Heflik, Sportredakteur bei den "Westfälischen Nachrichten" und sesshaft in Münster, wo Kostedde bei den dortigen Preußen einst fußballerisch vom Jungen zum Mann heranwuchs. Jahrelang war Heflik bereits in Kontakt mit Kostedde, der auch heute im stattlichen Alter von 75 Jahren immer noch unter seinen traumatisierenden Erlebnissen als Exot im deutschen Fußball leidet. Jahrelang wollte Kostedde eine Aufarbeitung seiner Geschichte vermeiden, bis er vor kurzem Heflik grünes Licht gab. Herausgekommen ist dabei ein Buch, das aktuell in vieler Munde ist. Im Zuge der verspäteten Europameisterschaft 2020, Kosteddes 75. Geburtstag und der gerade im ZDF gezeigten Doku "Schwarze Adler", in dem die schwer zu verdauende Geschichte dunkelhäutiger Nationalspieler eindrucksvoll aufgearbeitet wurde, wird das im Göttinger Werkstatt Verlag erschienene Buch allerorten erwähnt und gelobt.

Dieses Lob haben sich Heflik und Kostedde redlich verdient. Letzterer für seine offenen Worte und den schwerlich gestatteten Einblick in sein Seelenleben, der andere für seinen einfühlsamen Zugang, den er zu Kostedde und der sehr sensiblen Thematik gewählt hat. Ähnlich wie in der bereits erwähnten Fernseh-Doku stößt man im vorliegenden Buch immer wieder auf Stellen, die einen tief berühren und fragen lassen, was Menschen dazu treibt, andere Menschen zu unterdrücken und zu diskriminieren. Wenn Kostedde schildert, dass ihm als Junge dazu geraten wurde, sich mehr zu waschen, und er sich dann tatsächlich stundenlang mit Kernseife wusch, ist selbst der hartgesottenste Leser kurz davor, dass ihm Tränen in die Augen schießen. Heflik vollführt dabei sehr geschickt einen Drahtseilakt, denn Erwin Kostedde selbst hatte sicherlich auch einen gehörigen Anteil am Auf und Ab seiner Karriere, wenn er wieder mal tagelang versackte und sich in zwielichtigen Spelunken rumtrieb: Disziplinlosigkeiten, die damals tatsächlich noch halbwegs ein ordentliches Spielerleben ermöglichten, heutzutage höchstwahrscheinlich aber spätestens beim zweiten Male zum Karriereende führen würden.

Der Werkstatt Verlag und Alexander Heflik liefern mit "Erwin Kostedde" einen weiteren, bisher schmerzlich vermissten Mosaikstein zur Geschichte der Fußball-Bundesliga, der darüber hinaus als zeitgeschichtliches Porträt der damaligen bundesrepublikanischen Gesellschaft daherkommt. Doch funktioniert die Replik, auf die bereits knapp fünfzig Jahre zurückliegende Dekade zu verweisen, definitiv nicht, wie einem in "Schwarze Adler" vor Augen geführt wird und wie auch der dramatische Höhepunkt im vorliegenden Buch klarmacht, als man bereits im wiedervereinigten Deutschland der Neunziger Jahre angekommen war. Da begab es sich, dass Kostedde völlig haltlos eines Überfalls auf eine Spielhalle in Coesfeld bezichtigt worden war, mehrere Monate in Untersuchungshaft verbringen musste, bevor er mit vielen Makeln behaftet als freier Mann das Gerichtsgebäude verlassen durfte. Und dies alles nur, weil ein angeblicher Zeuge einen Schwarzen in der Nähe der Spielhalle gesehen haben wollte, den er als Erwin Kostedde aus Funk und Fernsehen zu erkennen geglaubt hatte. Dieser finale Genickbruch ist auch dreißig Jahre später noch nicht verheilt, so dass ein 75-jähriger Ex-Nationalspieler frustriert auf 98 Bundesliga-Tore und 219 Partien in der obersten deutschen Spielklasse zurückblickt. Selten hat einen als Leser die Biografie eines Fußball-Nationalspielers derart traurig und beschämt zurückgelassen.

Christoph Mahnel 
28.06.2021

 
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Das Buch:

Alexander Heflik: Erwin Kostedde. Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler

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Gttingen: Verlag Die Werkstatt 2021 208 S., 19,90 ISBN: 978-3-7307-0573-5

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