Biographie

Vom Schweini zum Bastian

Das blutverschmierte und schmerzverzerrte, aber dennoch unerschrockene Gesicht des Bastian Schweinsteiger im WM-Finale von Rio vor gut vier Jahren ist auch noch heute in den Köpfen der deutschen Fußball-Fans präsent, wenn sie an die Krönung von Jogis Jungs und den Erwerb des vierten Sterns zurückdenken. Ganz zu schweigen von den Argentiniern, die letztlich vor Schweinsteigers Willensstärke kapitulierten, denn etwas Vergleichbares hatte selbst die reichhaltige Fußball-Geschichte auf diesem Niveau noch nicht bewundern dürfen. Doch es war nicht ausschließlich diese eine Nacht von Rio, die den Mythos Schweinsteiger begründet hat, es war vielmehr die Krönung einer Fußballerkarriere, die nicht immer streng monoton steigend verlaufen ist, aber gerade deswegen so bewundernswert ist und als Blaupause für viele junge Sportler herhalten kann.

Ein trostloser November-Abend anno 2002 markierte den Einstieg Bastian Schweinsteigers in die große Fußballwelt. Es war der sechste und letzte Vorrundenspieltag einer Champions-League-Spielzeit zum Vergessen für den FC Bayern. Da wechselte Ottmar Hitzfeld für Mehmet Scholl einen pickelgesichtigen Amateurspieler mit dem lustigen Namen Schweinsteiger ein. Übrigens sollte Hitzfeld ein paar Minuten später einem weiteren Novizen namens Philipp Lahm zu seinem Pflichtspieldebüt verhelfen. Fortan erklomm Bastian Schweinsteiger einen Meilenstein nach dem anderen: Erstes Bundesligaspiel, erstes Bundesligator, erste Deutsche Meisterschaft, erster Pokalsieg, erstes Double und so weiter und so fort. Der Rest der Geschichte ist bekannt, zwölf Jahre später hatte Schweinsteiger seine Titelsammlung komplettiert. Mit dem Champions-League-Titel anno 2013 und dem WM-Pokal ein Jahr später war Schweinsteiger endgültig im deutschen Fußball-Olymp angekommen.

Obgleich Bastian Schweinsteiger dieser Tage seine fußballerische Karriere noch in der amerikanischen Profi-Liga MLS ausklingen lässt, ist der Zeitpunkt einer Würdigung dessen sportlicher Leistung definitiv gekommen. Nachdem er vor drei Monaten sein Abschiedsspiel in der Münchener Allianz Arena bestreiten durfte, geschieht dies mit der soeben beim Göttinger Werkstatt Verlag erschienenen Biografie namens "Schweinsteiger". Als Autor fungiert mit Ludwig Krammer ein Insider der Münchener Fußballszene. Als Redakteur und Journalist schreibt er für die einschlägigen Gazetten in der bayerischen Landeshauptstadt über die Roten und die Blauen, über die Erfolge des FC Bayern und die Sorgen der Sechziger. Nach seinem großen Fanbuch über Manuel Neuer ist "Schweinsteiger. Die Biografie" Krammers zweites Werk, das vom Werkstatt Verlag unters Volk gebracht wird.

Doch unterscheidet sich die vorliegende Schweinsteiger-Biografie signifikant von den vielen bei den Göttingern erschienenen Biografien über Fußballer oder Fußballtrainer. Es ist beileibe kein Werk in der Machart eines Dietrich Schulze-Marmeling, dessen Ausarbeitungen oftmals wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Krammer hat sich beim Marsch durch die Vita des Bastian Schweinsteiger darauf fokussiert, dem Leser das facettenreiche Bild dieses Ausnahmesportlers näherzubringen. Dazu lässt er viele Wegbegleiter Schweinsteigers zu Wort kommen oder geht spezifisch auf dessen Verhältnis zu besonderen Bezugspersonen ein, wie beispielsweise zu seinem stets kritischen, aber uneingeschränkten Förderer Uli Hoeneß. Natürlich durchläuft der Leser auch den Prozess vom Schweini zum Herrn Schweinsteiger, die nahezu parallel zur Entwicklung vom Gute-Laune-Fußballer auf der Außenbahn hin zum Strategen auf der Position im zentralen defensiven Mittelfeld vonstattenging.

In insgesamt 28 Kapiteln hat der Autor seine Biografie des Bastian Schweinsteiger unterteilt. Dabei lässt er mal Edmund Stoiber, Ottmar Hitzfeld, Marcel Reif oder Raphael Hongistein im Interview zu Wort kommen, mal konzentriert er sich auf die entscheidenden Weichensteller und Gefährten wie Poldi, seinen Sommermärchen-Bruder im Geiste, seinen Erfolgskapitän Philipp Lahm oder den streitbaren Louis van Gaal, der Schweinsteigers Karriere den finalen Spin gegeben hat. Nach gerade einmal gut 150 Seiten hat Krammer ein sehr breit gefächertes Bild einer deutschen Sport-Ikone vor dem Leser ausgebreitet: Schweinsteiger gleichermaßen der große Stratege, der ein Gefühl für das Spiel hatte und es lesen konnte wie kaum ein anderer, wie auch der bodenständige Lausbub, aus dem gut und gerne ein Olympiasieger im Skifahren hätte werden können. Chapeau, Herr Schweinsteiger, alles richtig gemacht!

Christoph Mahnel
26.11.2019

 
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Das Buch:

Ludwig Krammer: Schweinsteiger. Die Biografie

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Gttingen: Verlag Die Werkstatt 2018
192 S., 19,90
ISBN: 978-3-7307-0406-6

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