Buch des Monats - Oktober 2012
Die Anti-Firma
Der Harvard-Absolvent David Zinc schuftet sechs Tage in der Woche von frühmorgens bis spätabends in einer renommierten Chicagoer Großkanzlei, um deren Profit sowie den der Partner zu maximieren. Sein Privatleben leidet dementsprechend unter diesem immensen beruflichen Druck, so dass er eines Tages in einer Bar - dem Alkohol sei Dank - die Entscheidung trifft, die Reißleine zu ziehen. David heuert bei "Finley & Figg" an, dem kompletten Gegenentwurf seines vorherigen Arbeitgebers: eine Zweimann-Klitsche in einer der heruntergekommensten Gegenden von Chicago, schlechte Bezahlung, zwei chaotische Chefs und Aufträge, die die Kanzlei mehr schlecht als recht über Wasser halten. Doch dann kommt der Moment, auf den "Finley & Figg" sowie David gewartet haben. Doch sind die drei überhaupt in der Lage, die große Aufgabe zu stemmen?
John Grisham war bis in die Achtziger Jahre hinein selbst als Strafverteidiger in Mississippi erfolgreich, bevor er parallel dazu mit dem Schreiben seines Debütromans "Die Jury" eine Karriere als Schriftsteller in die Wege geleitet hatte. Der Erfolg blieb zunächst noch aus, doch änderte sich dies mit seinem zweiten Roman "Die Firma" schlagartig. Das Buch verkaufte sich prächtig, die Verfilmung mit Tom Cruise in der Hauptrolle ist im kollektiven Gedächtnis der Filmgeschichte verankert. Ein überglücklicher Grisham konnte daraufhin seinen bisherigen Beruf als Jurist an den Nagel hängen und sich fortan ganz der Schriftstellerei widmen.
David Zincs erste Karriereschritte erinnern stark an die des Mitch McDeere, den jungen Durchstarter in Grishams Erfolgsroman "Die Firma". Doch genauso, wie sich Zincs Karriere erheblich moderater gestaltet, nimmt auch "Verteidigung" anschließend in deutlich ruhigeren Gewässern als "Die Firma" seine Fahrt auf. Grisham-erprobte Leser werden sich bei dem vorliegenden Roman eher an Werke im Stile von "Der Regenmacher" erinnert fühlen, wo der junge Rudy Baylor in der Eingangshalle von Krankenhäusern auf die Einlieferung von Schwerverletzten wartet, um diese als Klienten zu gewinnen. Ähnlichkeiten zum Geschäftsmodell von "Finley & Figg" in diesem Buch sind dabei nicht von der Hand zu weisen.
Der Grisham der frühen Neunziger Jahre war auf Rasanz und Action gestimmt. Dabei hat er sich durch Werke wie "Der Klient" oder "Die Akte" einen Namen als DER Justiz-Schriftsteller schlechthin geschaffen. Obgleich es ihm in den vergangenen zwei Jahrzehnten noch jedes Jahr gelungen ist, einen neuen Roman zu veröffentlichen, hat sich trotz unveränderter Produktionstaktung eine stilistische und inhaltliche Veränderung deutlich bemerkbar gemacht. In den neueren Werken des ehemaligen Anwalts scheinen leisere Töne die Oberhand gewonnen zu haben. Vielleicht trägt eine gewisse Altersmilde Schuld daran, dass Grisham liebevolle Charaktere entwickelt sowie verstärkt beobachtet und beschreibt, anstatt maximale Spannung erzeugen zu wollen. Schließlich ist "Verteidigung" bereits sein 20. Roman. Da ist man als Autor gut beraten, ein wenig Wandlungsfähigkeit an den Tag zu legen und sich nicht beständig im gleichen Fahrwasser zu bewegen.
Nichtsdestotrotz sind auch in "Verteidigung" Konstanten in Grishams Werken zu beobachten: Seit jeher schildert Grisham die Welt der Advokaten und Anwälte höchst glaubwürdig, weshalb sein früheres Leben als Jurist letztendlich essentiell für ihn und seinen Erfolg als Schriftsteller war. Eines ist bei Grisham auch stets gesetzt, nämlich dass trotz aller Fallstricke auf der Strecke der Gute am Ende siegen wird. Obgleich "Verteidigung" sich zu Beginn ein wenig schleppend dahinzieht und erst ab der Mitte des Buchs Fahrt aufnimmt, sorgt der Roman der dank der liebevollen Beschreibungen nicht ganz perfekter Charaktere für Begeisterung beim Leser. Dabei empfiehlt sich, ein gewisses Faible für den American Way of Life mitzubringen, da man dem amerikanischen Lebensgefühl an vielen Ecken und Enden begegnet.
Christoph Mahnel
01.10.2012







