Buch des Monats - April 2012

Loben statt Drillen, Lieben statt Ausnutzen - ein alternatives Erziehungskonzept

Die in Sankt Gallen in der Schweiz angesiedelte "Stiftung Johannes Schulen" veröffentlicht einen lesenswerten Beitrag zur Diskussion über Disziplin in den Schulen, die der ehemalige Leiter der Internatsschule von Salem Bernhard Bueb angestoßen hat. Die drei Kapitel dieses Werkes tragen jeweils Titel, die eine Herausforderung bilden: Das erste ist wie die ganze Schrift "Disziplin des Lobens", das zweite "Mißbrauch ohne Brauch?", das dritte "Wem verkaufen wir unsere Kinder?" überschrieben. Alle drei Kapitel sind innerlich eng miteinander verknüpft und skizzieren ein Pädagogik-Konzept, in dem das Kind und der Jugendliche endlich wieder als Persönlichkeit eine Chance zur Entfaltung der eigenen Anlagen ohne Rücksicht auf die heute überall herrschende Nützlichkeits-Ideologie bekommen, die den Menschen schon in der Schule zur Sache degradiert, um gut geeignetes 'Menschenmaterial' für das Funktionieren unserer Wirtschaft bereitzustellen.

Anton N. Schmid bestreitet zwar die Berechtigung von Buebs Anliegen nicht, in der Schule wieder mehr Disziplin zu pflegen, sieht sich aber aus einer wohlverstandenen Sympathie für diesen Pädagogen dazu herausgefordert, die Grundlagen von dessen Konzepten offen zu legen und in eine kritische Auseinandersetzung mit den sie fundierenden Prinzipien einzutreten. Das gedankenlose Reden über Disziplin bei Buebs Kritikern beantwortet er mit dem Erinnern an die ursprüngliche Bedeutung dieses Begriffs. Während Lehrer heute gern als "kulante Animateure" missverstanden werden, sollten sie "Autoritäten" sein, "die eine Disciplina beherrschen, das heißt ihr Fach verstehen und es sowohl an-sprechend, also mit Anspruch, als eben auch durch auctoritas vermitteln, was ja Bereicherung und 'Meisterschaft' bedeutet" (14). Der Siegeszug der Didaktik an den Universitäten und die abstruse Vorstellung von Politikern, die hochkarätigen Vertreter von Fachdisziplinen weitgehend durch 'nützlichere' Didaktiker zu ersetzen, verdeutlicht den allgemeinen Trend zur Abkoppelung der inhaltlichen von äußerlichen Autorität, bei der aus schmackhafter Speise nur noch Ernährungskonzentrate (für Weltraumfahrer) übrig bleiben, wodurch angeblich die allseitige Verwendbarkeit garantiert werden soll. Die von Schmid zitierten Proteste von Spitzenkräften unserer Wirtschaft gegen die zum Programm erhobene menschliche Verarmung und deren fatale Folgen für unsere Gesellschaft prallen bekanntlich an der Stumpfsinnigkeit von Bildungsplanern ab, die höchstens auf das Echo in den Medien und die Chancen bei anstehenden Wahlen achten.

Bei Bueb gewinnt man den Eindruck, Disziplin sei ein Art Selbstzweck, dessen Nutzen für die Schule als pädagogisches Programm angepriesen wird. Dem hält Schmid mit völligem Recht die Komponenten entgegen, aus denen Disziplin sozusagen selbstverständlich beim Lernen entsteht. Dabei treten der Respekt des Menschen und das Interesse am Lernstoff in den Vordergrund. Das wechselseitige Vertrauensverhältnis von Schüler und Lehrer bildet die Voraussetzung für Disziplin, denn eine "vertrauensvolle Übergabe an Person und Aufgabe setzt nämlich eine vertrauensvolle Übernahme durch den Lehrer voraus" (22). Beide Seiten sind aber nicht bloß aufeinander fixiert, sondern gemeinsam auf ein Drittes ausgerichtet, "auf den Lernstoff, hin zu den unerschöpflichen Schönheiten einer für beide liebenswerten, lohnenden Welt" (60). Die Schule soll nicht wie die Unterhaltungsindustrie Spaß erzeugende Effekte verfolgen, sondern zur Entdeckung des unerschöpflichen Reichtums der Wirklichkeit verhelfen und die Freude an ihr vermitteln. Wer mit der Welt (und mit sich selbst) in Einklang kommt, kann sich auch in spezielleren Einzelheiten zurechtfinden und sich als Fachkraft für enger umgrenzte Gebiete bewähren. Bis jetzt hat noch niemand nachgewiesen, dass die von der Schule umfassender Gebildeten, die nach dem Zusammenbruch des Hitlerregimes Deutschland wieder aufgebaut und sein internationales Ansehen, auch in den Bereichen von Technik und Wirtschaft, grundgelegt haben, weniger fähig waren als die heute zum Spezialistentum Erzogenen. Es tut gut, wenn jemand wieder an solche eigentlich naheliegenden Tatsachen erinnert, die im allgemeinen Gerede der Politiker wie der Fachwelt schlichtweg verdrängt werden.

Das zweite Kapitel hebt Jürgen Kaubes unüberlegte Kolumne vom 9. März 2010 in der FAZ aus den Angeln. Dieser Journalist versteigt sich zur empörenden These, dass in die Schule "nicht Kinder, sondern Schüler" gehen und in den "Klassen, nicht Individuen [...] schon gar nicht 'ganze Menschen' [...] unterrichtet werden" (64). Vielleicht huldigt er damit dem früher einmal zum Profil dieser Zeitung gehörenden Liberalismus, dessen Schulidee das Funktionale über das Personale stellt, so dass der Schüler als Person vernachlässigt und zugunsten seines Funktionierens innerhalb von Interessenlagen eingespannt wird. Kaube übersieht damit schlichtweg das Wesentliche des Erziehungsprozesses in der Schule, die Liebe zum Menschen und zu den Dingen. Schmid hält ihm mit Recht entgegen, dass "ein Schüler immer mehr Kind als Schüler ist" (74), denn "das Umfassendste" ist ein junger Mensch "als Menschenkind (und zwar jedes als Allerbesonderstes)" (64).

Solche Hinweise auf die Herkunft nunmehr vielfach anders verstandener oder vielmehr schwammig verwendeter Konzepte durchziehen das ganze Buch und regen zum Nachdenken über die kulturellen Wurzeln unserer Erziehungsvorstellungen an. Die Bildungspolitiker schielen auf die Medien, deren Macher vielfach nur die Optik des Profits oder die Beliebigkeit der Postmoderne propagieren. Bereits mit diesem Erinnern an zentrale Traditionen unseres Kulturkreises bildet das vorliegende Werk einen originellen Beitrag zu der von Bueb angestoßenen Grundsatzdebatte, die diese eigentlich zentralen Momente kurzerhand übersehen hat.

Doch geht Schmid noch einen Schritt weiter, indem er die Grundlagen von Buebs Vorstellung von Disziplin in dessen Dissertation über Nietzsche bewusst macht, denn Buebs Gleichsetzung von Disziplin mit Machtausübung durch den Lehrenden ist von Nietzsche inspiriert. Die Autorität der Lehrpersonen definiert Bueb "führungspsychologisch, nicht fachlich" (51), denn nach Buebs Meinung ist Disziplin "(allenfalls mit Kontrollen und Strafen) rein zwischenmenschlich durchsetzbar" (38). Daraus ergibt sich eine völlig negative "Sicht auf die Natur des Kindes" (53), das die Erzieher entmachten sollen, um eigenmächtig "anstelle des noch unmündigen, ja ohn-mächtigen Schülers" (55) zu walten. Diesem von Nietzsches Wille zur Macht bestimmten Modell von Disziplin hält Schmid ein auf der Liebe basierendes Erziehungsprogramm entgegen, das letztlich durch die Offenbarung der göttlichen Liebe in Christus grundgelegt wird.

Schmid ist gut beraten, wenn er keines der heute florierenden alternativen Schulkonzepte, die sich dem staatlichen Schulsystem programmatisch widersetzten, auch nicht die sich christlich nennenden Schulen, als Modell anpreist, sondern beim Evangelisten Johannes ansetzt, um aus seiner Botschaft der Liebe, sowie einer christlichen Anthropologie und Eheauffassung, Erziehungsmaximen abzuleiten. Er hat den Mut, sich unbeirrt an der christlichen Überlieferung zu orientieren, um gegen eine falsche Einschätzung des Kostbarsten, was wir haben, unsere Kinder, zu opponieren und den Blick auf deren Wesen zu lenken, das im Religiösen besser als in allen menschlichen Konstruktionen von Weltbildern oder pädagogischen Nutzerwägungen aufscheint. Er begnügt sich aber auch nicht mit theologischen Erörterungen oder frommen Reden, sondern konzentriert die Aussage ganz auf pädagogische Konzepte, die sich aus der christlichen Liebesbotschaft bzw. einzelnen Bibelstellung unmittelbar ableiten lassen.

Eines seiner zentralen Konzepte ist die "pädagogische Liebe" (75), die nicht über Bord geworfen werden darf, denn eine effiziente Schule muss sie "als ihr innerstes Fluidum anerkennen und gestalten, und zwar in der Form gemeinsamer Zuneigung auf einen prinzipiell bejahenswerten Lernstoff" (75). Warum sollten eigentlich unsere Schüler die Muße für das schöpferische Tun "im viel-, ja allseitigen Erschließen des Wirklichen" (81) verschmähen? Die Übertragung der Lebensabläufe auf die Dichotomie von Arbeit und Freizeit in der Arbeitswelt verkennt den Wachstumsprozess junger Menschen. Wer je Kinder beim spielerischen Erlernen irgendwelcher Fähigkeiten beobachtet hat, kann Schmids Plädoyer für eine "Atmosphäre freiheitlicher Passion" nachvollziehen, dann "Leidenschaft für den Lernstoff kennt die Leidensbereitschaft und Anstrengung beim Lernen" (82). In diesem Kontext hat die "Disziplin des Lobens" ihren Sinn als Ermunterung zu einem "den Menschen von seinem Ego befreienden Akt, in dem er aufgrund innigster Aufmerksamkeit auf ein anziehendes Gegenüber sich selbst vergessen lernt" (61). Die positive Grundeinstellung in den ganzen Ausführungen von Schmid ist vorzüglich dazu geeignet, die Schule aus dem oberflächlichen Operieren mit den Schlagwörtern unserer Spaßgesellschaft in eine Optik der Freude zu befreien, in der das pädagogische Geschehen wieder die Chance bekommt, Bildung an Menschen zu vermitteln, die sich ihre Welt erschließen und sich in ihr zusammen mit andern entfalten möchten. Die Umkehrung des Titels von Buebs Streitschrift in "Disziplin des Lobens" rechtfertigt sich aus dem Nachweis, dass die von Bueb zurecht eingeforderte Disziplin in der Schule kein Selbstzweck ist, sondern aus der Freude am Lernstoff entspringt, dessen Aneignung durch ein ermunterndes Hinführen von Seiten des Lehrenden, somit aus dem Lob der Aufmerksamkeit, des Interesses und der Bemühungen des Lernenden resultiert. Nicht Machtgehabe oder sachfremde Effekthascherei des Lehrenden, sondern seine fachliche Kompetenz und seine Offenheit für die Person des Lernenden schaffen die Atmosphäre, in der die Beschäftigung mit einem Stoff erfolgreich verläuft. Für dieses Programm liefert die vorliegende Schrift von Anton N. Schmid überzeugende Argumente.

Unsere Medien erwecken häufig den Eindruck, die christliche Erziehung missbrauche lediglich unsere Jugend. Ob sie wohl bereit sind, sich mit dem vorliegenden Werk zu beschäftigen? Schmid ist zum Zentrum der heute zu bewältigenden Problematik von Erziehung und Disziplin vorgestoßen und führt eine Grundsatzdebatte, die wertvolle Anregungen vermitteln kann. Hoffen wir, dass dieses Buch die vielen Leser finden wird, die es verdient hat.

Prof. Dr. Volker Kapp
02.04.2012

 
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Das Buch:

Anton N. Schmid:
Disziplin des Lobens. Pädagogische Entgegnungen

Bild: Buchcover Anton N. Schmid, Disziplin des Lobens. Pädagogische Entgegnungen

St. Gallen: Stiftung Johannes Schule 2012
127 S., € 17,00, SFr. 21,00
ISBN: 978-3-033-02795-4

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