Buch des Monats - Juni 2009

"Herr der Fliegen" auf Russisch und mit Mdchen

Sergej Lukianenko gilt nach seinem großen Erfolg mit der Wächter-Reihe als Russlands Senkrechtstarter in Sachen Fantasy und Science-Fiction. Auf einen derartigen Erfolg hin greifen naturgemäß die Mechanismen der Branche: Man hält Ausschau nach unveröffentlichten Werken des Autors aus der Vergangenheit und wirft diese mit dem Hinweis auf "das neueste Werk des Bestsellerautors" marktschreierisch unters Volk. Was selbst bei durchaus anerkannten Schriftstellern wie Frank Schätzing, John Katzenbach und Dan Brown mehr schlecht als recht funktioniert hat, scheint bei Lukianenko allerdings glänzend zu klappen. Bereits 1992 auf Russisch erschienen, hatte das vorliegende Buch seinerzeit noch keinen Verleger hierzulande gefunden, der es in einer deutschen Übersetzung auf dem hiesigen Markt platzieren mochte. Was allerdings ein einziger Erfolg in der Zwischenzeit bewirken kann, zeigt die positive Resonanz auf das jetzige Erscheinen von "Die Ritter der vierzig Inseln" im Heyne Verlag.

Der 14-jährige Dima wird im Park seiner Heimatgemeinde von einem angeblichen Journalisten fotografiert und findet sich wenig später unsanft auf einer Insel gelandet wieder. Dort trifft er mehrere Jungen und Mädchen, die auf demselben Weg dorthin gelangt sind. Spätestens nachdem Dima die Spielregeln dieser parallelen Welt erklärt bekommen hat, weiß er um die Gefahr, in der er sich befindet. Jede der Inseln ist mit mehreren anderen Inseln über Brücken verbunden. Insgesamt gibt es vierzig Inseln in diesem Archipel, aber überleben und zurückkehren werden nur die Bewohner derjenigen Insel, die alle anderen Inseln kriegerisch erobert hat. Manche merkwürdig anmutenden Regeln lassen Dima schnell klar werden, dass dies das Werk einer fremden Macht sein muss. Neben dem Bestreben, das Spiel auf dem offiziellen Wege zu gewinnen, sprich möglichst viele der anderen Inseln zu erobern, will Dima die Hintermänner dieser Welt finden und überlisten.

Ein Buchhändler, der dieses Buch in seinem Laden thematisch einordnen möchte, dürfte es recht schwierig haben. Lukianenko versteht es nämlich brillant, mit den verschiedenen Genres zu jonglieren, ohne sich dabei für eines zu entscheiden: Ist es mehr Jugendbuch oder Science-Fiction oder doch eher Fantasy? Egal, denn ein grandioser Plot lässt den Leser die hiesige Welt vergessen und eintauchen in diese skurrile Welt der Inseln voller Burgen und Brücken. Inspiriert dürfte Lukianenko sicherlich von "Herr der Fliegen" gewesen sein, doch lässt er im Gegensatz zu William Golding auch Mädchen am Geschehen teilhaben. Alles in allem bekommt der Leser aber den Eindruck, ein Buch erworben zu haben, das mit etwas Neuem, noch nicht Dagewesenem daherkommt.

Die Tatsache, dass "Die Ritter der vierzig Inseln" bereits zu Beginn der schriftstellerischen Karriere von Sergej Lukianenko verfasst worden ist, macht sich an mehreren Stellen leider negativ bemerkbar. Es wird deutlich, dass Lukianenko bereits in jungen Jahren zwar großartige Ideen und Fantasie besessen hat, jedoch noch einige technische Unzulänglichkeiten in seinem schriftstellerischen Handwerk aufweist: Er schließt mit einem den Leser nicht zufriedenstellenden Ende, das viel zu schnell daherkommt und einige Fragen offen lässt. Die Charaktere sind wenig ausgefeilt und konturiert, so dass Unterschiede zwischen den einzelnen Figuren wenig ersichtlich werden. Vor allem aber mangelt es dem vorliegenden Werk an einer angemessenen Steuerung des Tempos. Lukianenko scheint noch nicht recht zu wissen, wann es gilt, die Handlung zu drosseln oder zu beschleunigen.

Für den hiesigen Leser lohnt es sich auf jeden Fall, dieses Frühwerk Lukianenkos zu lesen, auch ohne zuvor ein Fan oder Leser seiner bisherigen Erfolgsbücher gewesen zu sein. Es ist erfrischend, ein Buch zu lesen, das einem anderen als den herkömmlichen Buchmärkten entspringt. Da hierzulande ca. 90% der Bücher entweder deutschen oder angloamerikanischen Ursprungs sind, wirkt ein Werk wie dieses neuartig, weil grundsätzlich anders daherkommend. Dass der Leser am Ende ob der Vielfalt an Interpretationsmöglichkeiten, die diese Geschichte zulässt, auch noch nachdenklich zurückbleibt, macht "Die Ritter der vierzig Inseln" noch ein wenig mehr besonders. Geschürt wird dies zusätzlich durch Lukianenkos Dank im Nachwort, in dem er allen dankt, die dieses Buch verstanden haben. Spätestens hier wird das Nachdenken entfacht werden, sofern es bis dahin noch nicht stattgefunden hat. Zurück in den Köpfen bleibt auch das Zitat des von Lukianenko hochgeschätzten Kollegen Wladislaw Krapiwin zu Beginn des Buches, das die Absurdität der Handlung im vorliegenden Buch von Anfang an klarmacht: "Kinder können Krieg gegen Erwachsene führen. Erwachsene führen auch Krieg gegen Kinder. Sie sind verroht. Aber auf keiner Welt bekriegen sich Kinder untereinander. Sie sind noch nicht vollkommen verrückt geworden!"

Christoph Mahnel
02.06.2009

 
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Das Buch:

Sergej Lukianenko: Die Ritter der vierzig Inseln. Aus dem Russischen von Matthias Dondl

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Mnchen: Heyne Verlag 2009
400 S., 16,95
ISBN: 978-3-453-26627-8

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