Buch des Monats November 2025
Emanzipation und Bürgerkrieg
Emilia del Valle wird 1866 in San Francisco als Tochter einer irischen Nonne und eines chilenischen Aristokraten geboren. Ihr Erzeuger wendet sich noch vor ihrer Geburt von ihrer Mutter ab und Emilia wächst fortan mit einem Stiefvater auf, der sie jedoch wie eine eigene Tochter liebt und sie darin bestärkt, ihren eigenen Weg zu gehen und an sich zu glauben. Als Jugendliche entdeckt sie ihr Schreibtalent und verdient schon bald ihr erstes Geld mit dem Schreiben von Groschenromanen, die sie noch unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichen muss.
Als junge Frau gelingt es ihr, den Chefredakteur des San Francisco Examiner zu überzeugen, sie als Reporterin zu engagieren - eine Seltenheit für Frauen dieser Zeit. Sie hat dadurch die Gelegenheit, mehr von der Welt zu sehen, reist bis nach New York und wird schon bald als Reporterin nach Chile geschickt, um von dort über den Bürgerkrieg zu berichten. Eric, ein Kollege vom Examiner, den sie nicht nur als besten Freund, sondern schon bald auch auf romantische Weise zu schätzen und zu lieben lernt, begleitet sie in ihr Vaterland, das sie bisher noch nicht kennenlernen durfte.
Die Reise nach Chile soll für sie nicht nur die berufliche Erfüllung ihrer Träume bedeuten, sondern auch in privater Hinsicht für Frieden sorgen. Sie sucht in Chile in ihren leiblichen Vater, einen skrupellosen Lebemann, auf, den sie nur noch auf dem Sterbebett antrifft, mehr oder weniger mittellos und zum Glauben bekehrt. Sobald Emilia diesen Punkt ihrer Reise abgehakt hat, stürzt sie sich in die Wirren des Bürgerkrieges, gerät zwischen die Fronten, wird gefoltert und verliert fast ihr Leben.
Was als großer, emanzipatorischer Roman begonnen hat, endet in einem historischen Roman über den chilenischen Bürgerkrieg von 1891. Die Vermischung von beidem gelingt nicht besonders gut. Während Isabel Allende zu Beginn noch ihre große Erzählkunst, für die sie seit ihrem Debüt mit "Das Geisterhaus" 1982 bekannt ist, zeigt und die Lebensgeschichte von Emilia del Valle interessant und glaubwürdig aufbaut, werden ab dem Zeitpunkt, als sie nach Chile aufbricht, einige Handlungen und Motive unklar und wirken gewollt herbeigeführt - sowohl die Begegnung mit ihrem Vater als auch die plötzliche Verliebtheit in ihren guten Freund und Kollegen Eric.
Isabel Allende ist sicher zu besserem fähig, und vielleicht ist auch trotz ihres hohen Alters von mittlerweile 83 Jahren noch einiges an Literatur von ihr zu erwarten, doch ist ihr mit "Mein Name ist Emilia del Valle", was man als Prolog zu "Das Geisterhaus" sehen könnte, in der sie die Geschicke der Familie del Valle wieder aufnimmt, nicht der große Wurf gelungen.
Gelesen wird das Hörbuch zum größten Teil von der Schauspielerin Mala Emde, bekannt u.a. aus "Charité", die der selbstbewussten und oft nüchtern handelnden Emilia eine unaufgeregte und resolute Stimme schenkt - somit auf der Tonspur zweifellos ein Genuss und ein Erfolg als Hörbuchproduktion.
Sabine Mahnel
03.11.2025
